Größer werden als das Innere Kind

Nur seine Vergangenheit aufzuarbeiten, führt nicht weit, meint der Verhaltenstherapeut Thorsten Padberg. Wir können auch unsere Zukunft entwerfen

Ein kleines Mädchen sitzt allein und traurig auf einer Wippe auf einem Spielplatz
Sind wir nicht größer als unser Inneres Kind? Es lohnt sich, mehr zu wollen, als nur die Vergangenheit zu kompensieren © aldomurillo/Getty Images

„Kindheitstraumata führen dazu, dass man darum bettelt von Menschen geliebt zu werden, die nicht einmal sich selbst lieben“, schreibt Nicole Le Pera in einem Tweet. Le Pera, selbsternannte „holistische Psychologin“ erreicht mit ihrer Botschaft „Erkenne Deine Muster, heile Deine Vergangenheit!“ über eine Millionen Anhänger. Mit dem Buch „How to Do the Work“ belegte sie Platz eins der New York Times-Bestsellerliste. Und klar, das „Kind in Dir muss Heimat finden“, wie die Psychologin Stefanie Stahl den Deutschen schon hundertausendfach erläutert hat. Ist das Innere Kind gesund, freut sich der Mensch.

Diese Botschaft ist allgegenwärtig geworden, man liest sie täglich in den Medien, sie wird von Laiinnen und Laien wie Wissenschaftlern verbreitet, man hört sie in psychotherapeutischen Praxen und an Küchentischen im ganzen Land. „Wir sind das Ergebnis der Einflüsse aus der Vergangenheit“, das ist nur logisch. Und: Je früher etwas passiert ist, desto tiefgreifender wirkt es nach. Nicht erst Kindheit und Jugend sind entscheidend, sondern bereits die Zeit noch vor dem Spracherwerb. Die ersten Monate mit der Mutter stellen die Weichen, wusste schon Melanie Klein, die in der Tradition Freuds die Ich-Psychologie mit entwickelte, die sie in der Therapie von Kindern umsetzte. Während des Stillens, meinte sie, begegnet das Neugeborene der Welt in Form der Mutterbrust und entwickelt so grundlegende Vorstellungen von Gut und Böse. Oder es sind gleich die allerersten Minuten, die alles entscheiden: Durch Re-Birthing werden die während des „Geburtstraumas“ erworbenen „persönlichen Gesetze“ bewusst gemacht und anschließend während des therapeutischen Wiedererlebens der Geburt neu geschrieben.

Das Ziel: die Kindheit aufarbeiten

Heute stehen im Zentrum des Blicks in die Vergangenheit: Mutter, Vater, Kind. Die Kernfamilie. So kann fast alles, was Eltern getan haben (oder nicht getan haben) bis in die Gegenwart belasten. Die Beschädigungen der Kindheit enden erst mit einer ausführlichen Bearbeitung der eigenen Biographie (am besten in einer Psychotherapie), mit einer Erlösungsgeschichte: Arbeite Deine Kindheit auf und Dir wird es (wieder oder erstmals) gut gehen.

Hier wird die Vergangenheit im Elternhaus zur Ursache für die Zukunft und wirkt — nach heute verbreiteter Lesart — in jedem Fall belastend. Eine zu simple Lesart, deren Unwiderlegbarkeit als Nachteil gelten muss. Denken Sie an die Geschichte eineiiger Zwillinge, bei der Geburt getrennt, die später beide zwanghaft ordentlich wurden. Warum? „Weil meine Adoptivmutter selbst sehr ordnungsliebend war“, erzählte die Erste, „ich konnte nicht anders, als es von ihr zu übernehmen“. „Ganz einfach“, antwortete die Zweite, „ich reagierte auf meine Adoptivmutter, die sehr schlampig war“.

„Innen drin bleiben wir immer Kinder“, behauptet die aktuell sehr populäre Schematherapie. Diese Sicht betrachtet uns lebenslang als Opfer, denn Kinder sind oft wirklich hilflos. Wir glauben an die heilsame Wirkung einer „Traumatherapie“, in der wir die an uns begangenen Sünden beichten. Ausgerechnet in Corona-Zeiten wurde das Buch „Das Trauma in dir“ des niederländischen Psychiaters Bessel van der Kolk endgültig zu einem Weltbestseller. Als die Welt da draußen zu schrecklich wurde, fingen wir kollektiv an, den Blick nach innen zu wenden, zu den bereits vergangenen Schrecken. Statt einer Lösung für die Probleme der Gegenwart forderten wir: „Erlösung für das Innere Kind!“.

Liegt unser zukünftiges Glück also in der detaillierten Betrachtung einer missratenen Vergangenheit? Dann bleibt uns nur abzuarbeiten, was in den ersten Lebensjahren mit uns passiert ist – ein endloser Versuch der Kompensation dessen, was schon geschehen ist. Dabei müsste dies nicht der einzige Weg zum Selbstverständnis sein.

Die Vorstellung der alles determinierenden Kindheit wurde immer wieder erfolgreich von der Verhaltenstherapie herausgefordert: Warum sollte es nur die Bearbeitung der ursprünglich auslösenden Umstände einer Krise sein, die zu mehr Zufriedenheit führt? Warum betrachtet man nicht die „aufrechterhaltenden Bedingungen“, die heute immer noch für Leid sorgen und bearbeitete diese? Der Siegeszug dieser gegenwartsorientierten Therapie scheint jedoch vorerst gestoppt.

Im Einklang mit Le Pera und Stahl betonen inzwischen fast alle neueren Entwicklungen auch in der Verhaltenstherapie die wichtige Rolle der Vergangenheit: CBASP, eine Sonderform der Verhaltenstherapie für chronische Depressionen, untersucht frühkindliche Prägungen, die heute noch das Leben schwer machen. Die extrem populäre Schema-Therapie versucht, durch mangelnde Liebe entstandene Schemata durch „Neu-Beelterung“ zu korrigieren, und die emotionsfokussierten Ansätze wollen früh „eingeklemmte“ Affekte befreien.

Opfer unserer Vergangenheit

Wer sich als Opfer vergangener Umstände versteht, verliert jedoch die gegenwärtigen aus dem Blick. Arbeitslosigkeit, prekäre wirtschaftliche Verhältnisse, eine vereinzelnde Gesellschaft und ihre immer unverbindlicheren Beziehungen werden auf die eigene Geschichte attribuiert und dadurch implizit zum Fehler (in) der Person. Als beispielsweise Melanie Kleins eigener Sohn sich aus Angst vor antisemitischen Übergriffen nicht länger auf die Straße traute, überging sie die äußerliche Bedrohung und sah sein Verhalten stattdessen als Ausdruck einer unterdrückten Anziehung zu ihr selbst. Der Historiker und Psychologe Philip Cushman merkt in seinem Buch „Constructing the Self, Constructing America“ an: Klein hatte alles „Soziale in das Innenleben des Individuums verlegt“.

Heute will so mancher Mental Health-Aktivist erst gar nicht mehr jemanden daten, der nicht zuvor selbst ausgiebig Therapie gemacht hat. Zuviel Verletzungspotenzial durch alte Wunden! Nicole LePera wäre stolz auf ihn. So wird die versuchte Lösung zum Problem, denn durch den Versuch, die Erklärung in den Fehlern der Vergangenheit zu finden, finden sich die Folgen dieser Fehler in der Person selbst. Oder eben in der (dann bald nicht mehr) geliebten Person. Eine nie versiegende Quelle für Selbstzweifel und Misstrauen wird geschaffen.

Und wer glaubt, die eigene Gegenwart sei durch die eigene Vergangenheit determiniert, der setzt sich keine Agenda mehr. Stattdessen wird das Leben in den Dienst der Aufarbeitung der Geschichte gestellt. Ein eigenes Projekt? Fehlanzeige.

Doch muss dies so sein? Der Psychoanalytiker James Hillman (1926 — 2011) sah das anders. Er bedauerte, dass nach der „Kompensations-Theorie“ alles Gegenwärtige nur der Versuch der Versöhnung mit dem Geschehenen sein solle. Das beschreibt er in seinem 1996 erschienenen Buch „The Soul’s Code“: „Die Kompensationstheorie zerstört den Geist“, meint er, „indem sie einzigartige Persönlichkeiten und ihre Errungenschaften ihrer einzigartigen Authentizität beraubt.“ Wenn alles nur ein endloser Versuch ist, die Vergangenheit aufzuarbeiten, was macht uns dann noch aus?, fragte er immer wieder. Wir werden dann zu einem „nothing but…“ -- „nichts weiter als…“ – das Ergebnis dessen, was von anderen aus uns gemacht wurde.

Die Gegenwart als Start

Hillman sah den besten Startpunkt für eine Analyse des Selbst in der Gegenwart, von der aus man sich „von den Blättern des Baumes und seinen Zweigen und dem abgestorbenen Holz rückwärts auf die früheren Phasen zubewegt, als ihrer Vorahnung, als kleinere Spiegel der erwachsenen Person“. Und weiter: „Diese Sichtweise nimmt den frühen Jahre die Schwere; sie waren nicht nur verloren und man selbst nicht nur Opfer von Schwierigkeiten und Grausamkeiten“. Hillman will wissen: „Haben wir aus all dem nichts für unsere zukünftigen Aufgaben gelernt?“. Etwa unsere Fähigkeit, Widerstand zu leisten oder das Alleinsein zu ertragen, um später auch ohne Zuspruch arbeiten und kreativ sein zu können?

Man kann das Leben so betrachten, das zeigt Hillman 1996 in seinen Analysen bekannter Persönlichkeiten wie Ella Fitzgerald, Josephine Baker und Igor Stravinsky. Oder Judy Garland: Die Sängerin und Schauspielerin hatte ein oft trauriges, einsames Dasein, voller Einweisungen in die Notfallaufnahme, trinkender Partner und Medikamentenmissbrauch. Sie sei ein Opfer des Lebens in Hollywood, heißt es oft, und ihre sehnsüchtige Stimme und ihr dramatisches Auftreten die Folge. Hillman wendet ein: „Vergessen sie die ganze Soziologie und die Psychoanalyse. […] Wir sind mit Absicht allein, um die noch leise Stimme zu hören, die von den tobenden Massen übertönt wird.“ Erst unsere Haltung zum Alleinsein mache „aus dem Einsamkeitsgefühl die Sünde der Einsamkeit und verschlimmert dadurch das Unglück“.

Die Sehnsucht, die Garland mit ihrer Stimme und ihrem ganzen Wesen zum Ausdruck bringt, ist aus Hillmans Sicht nicht das Produkt einer traurigen Geschichte, sondern ihr höchst eigener Zugang zur Welt: „Niemand hatte mir je beigebracht, was ich auf der Bühne tun musste“, sagte sie einmal über sich, „ich tat einfach, was sich richtig anfühlt“. Sie sollte „nicht nur im Rampenlicht singen und tanzen, das magische Kind sein […]“, kommentiert Hillman, sondern auch eine „Repräsentantin des Alleinseins und des mit ihm verbundenen Verlangens“. Für Hillman resultiert ihre Anziehungskraft nicht aus dem Erlittenen, sondern aus dem, was Garland in ihrer vielleicht berühmtesten Performance Somewhere Over the Rainbow auf ihre ganz eigene Weise zum Ausdruck bringt: das „Verlangen nach dem, was nicht von dieser Welt ist“. Wie sie es sang, ist dann nicht das Resultat ihrer traurigen Geschichte, sondern Ausdruck dessen, was ihr zu eigen war, wozu es sie drängte.

Die Zukunft gestalten

Es sind heute die Systemischen Therapien, mit ihrem Fokus auf die Zukunft, die Wünsche und die Träume, welche die Klienten noch nicht realisiert haben, die noch am ehesten daran interessiert sind, dass die Menschen auf ein Selbst hinarbeiten, das sie werden möchten oder sollten. Benutzt wird dabei manchmal die Metapher einer Reise: Zunächst gibt es nur eine allgemeine Ahnung davon, wohin es gehen soll, einen ersten Impuls. Im Gespräch mit der Therapeutin wird dieser Impuls dann konkreter, es wird ein präzises Bild davon entworfen, wo es hingehen soll. Dabei wird zunächst vollkommen ausgeblendet, wie man an das Ziel gelangen soll, denn viel wichtiger erscheint es zu bestimmen, wie das Resultat der Anstrengungen aussehen soll. Doch mit jedem Schritt der von da an gemacht wird „lösen sich die Probleme auf und verlieren weitgehend ihren Einfluss“, so zitieren Peter DeJong und Insoo Kim Berg in ihrem Buch „Lösungen (er)finden“ Dennis Sallebey, Professor für Soziale Arbeit. James Hillman würde das vielleicht gefallen: Nicht länger auf die Vergangenheit zu starren, sondern sich selbst in der Zukunft zu begegnen.

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