Emotional erschöpft

Verletzliche Narzissten sind sehr auf Anerkennung von außen angewiesen und fühlen sich im Job weniger wohl, zeigt eine Studie.

Charmant und faszinierend, aber auch dominant und rivalisierend, so werden Narzissten oft im Arbeitsalltag erlebt. Viele sind in Führungspositionen, können überzeugen und zeigen gute Fähigkeiten, Krisen zu managen. Das sind aber meistens grandiose Narzissten, die sich selbst für etwas Besonderes halten und auf einen hohen Status Wert legen. Jetzt untersuchten die Mainzer Sozialpsychologen Nina Wirtz und Thomas Rigotti erstmals, wie es vulnerablen (verletzlichen) Narzissten in der Arbeitswelt geht. Das sind diejenigen, die versuchen, ihre Gefühle von Minderwertigkeit und Unfähigkeit zu kompensieren. Ihr Selbstwert ist fragil, sie sind leicht kränkbar und sehr auf Anerkennung von außen angewiesen. Sie kommen in der organisationspsychologischen Forschung zu kurz, meinen die Forscher.

Verletzliche Narzissten fühlten sich weniger wohl im Job

Insgesamt nahmen 71 Führungskräfte und 235 Teammitglieder aus deutschen Industrie- und Dienstleistungsunternehmen unterschiedlicher Branchen an der Studie teil. Die Teams hatten im Schnitt etwas mehr als drei Mitglieder. Das Ergebnis: Die verletzlichen Narzissten unter den Teilnehmern fühlten sich in ihrem Job weniger wohl. Dies umso mehr, wenn sie einen grandios narzisstischen Teamleiter hatten. Zudem neigten die Verletzlichen auch stärker zu emotionaler Erschöpfung als weniger narzisstische Kollegen. Vulnerable Teamleiter dagegen verschlechterten das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter offenbar nicht.

Alle Probanden füllten wissenschaftliche Fragebögen aus, mit denen vulnerabler und grandioser Narzissmus erfasst wurde, außerdem das Arbeitsengagement, also das Ausmaß, wie tatkräftig, leistungsfähig und engagiert sich die Teilnehmer im Arbeitsalltag erlebten. Zudem erhoben die Psychologen auch, ob und wie sehr die Teilnehmer emotional erschöpft waren. Zur Kontrolle wurden die Arbeitsbelastung abgefragt sowie das Ausmaß von Autonomie und Neurotizismus, zudem die Interaktion zwischen Führungskräften und Mitarbeitern.

Es zeigte sich zunächst, dass vulnerable Narzissten unter den Probanden sich in ihrem Job weniger leistungsfähig und tatkräftig fühlten, ihr Wohlbefinden also beeinträchtigt war. Hatten vulnerable Narzissten einen grandios narzisstischen Teamleiter, wirkte sich dies zusätzlich negativ auf ihr Engagement und ihr Wohlbefinden aus. Dies vermutlich, weil diese Führungskräfte mehr als andere dazu neigen, sehr ambitionierte Ziele zu setzen und viel zu fordern. Würden diese Ziele jedoch nicht erreicht, sänken Motivation und Arbeitsleistung bei verletzlichen Narzissten besonders stark. Bei Teamleitern, die selbst verletzliche Narzissten waren, fanden die Psychologen diesen schädlichen Effekt nicht.  

Suche nach Anerkennung

Den Grund für die erhöhte Neigung zu emotionaler Erschöpfung sehen die Forscher darin, dass verletzliche Narzissten stärker als andere auf Anerkennung von außen angewiesen und schnell gekränkt seien, etwa bei herablassenden Bemerkungen von anderen. Darüber hinaus neigten vulnerable Narzissten auch mehr als andere dazu, auch neutrale Situationen und Äußerungen zu ihrem Nachteil und feindseliger zu interpretieren. Die emotionale Erschöpfung war aber bei den Studienteilnehmern nicht durch grandios narzisstische Teamleiter beeinflusst.

Die Psychologen weisen auf die vergleichsweise kleine Stichprobe hin – es habe sich als aufwendig erweisen, Teilnehmer aus realen Teams für die Studie zu gewinnen. Es gebe jedoch deutliche Hinweise darauf, dass vulnerabler Narzissmus das Wohlbefinden am Arbeitsplatz beeinträchtigte und emotionale Erschöpfung fördere, also ein individueller Risikofaktor für Burnout sei.

Nina Wirtz, Thomas Rigotti: When grandiose meets vulnerable: narcissism and well-being in the organizational context. European Journal of Work and Organizational Psychology. DOI: 10.1080/1359432X.2020.1731474

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