Digital unterrichten – wie geht das?

​Zwei Bücher liefern Impulse für eine zeitgemäße digitale Schulentwicklung. ​

Die Bildungspolitik versucht im Eiltempo, an Schulen dringend notwendige strukturelle Voraussetzungen für die Digitalisierung zu schaffen. Lehrkräfte gestalten ihren Unterricht digitaler. Die Coronapandemie sorgt für einen Quantensprung der digitalen Schulentwicklung. Dennoch nehmen die Meldungen über die defizitäre Situation an deutschen Schulen eher zu als ab.

Es stellt sich also die Frage: Sind unsere Schulen schlichtweg nicht zukunfts­fähig? Wohl kaum. Aber, so konstatieren Dieter Smolka und Jutta Sengpiel, wir müssen diskutieren, „wie digitale Bildung die Unterrichtsgestaltung optimiert und bereichert und wie Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler von zukunftsweisenden Lehr- und Lern­konzepten nachhaltig profitieren können“. Dass die beiden Herausgeber des Bandes Die Tafel muss raus!? wissen, wovon sie reden, zeigen ihre Biografien: Beide engagieren sich seit langem in Schulen, Schulverwaltung und Lehreraus- und -fortbildung.

Dass der etwas reißerisch anmutende Titel durchaus seine Berechtigung hat, wird schon im ersten Beitrag des Sammelbandes klar, in dem Olaf-Axel Burow, Professor für allgemeine Pädagogik, konstatiert: „Wenn das Smartboard einfach an die Stelle der Tafel tritt, ist damit nichts gewonnen für die dringend notwendige Entwicklung einer neuen, mobilen, zeit- und ortsunab­hängigen personalisierten Lern- und Unterrichtskultur.“

Bunte Autorenschaft

Auf der Grundlage einer bunt zusammengesetzten Autorenschaft – es kommen Lehrerinnen und Lehrer, Wissenschaftler und Mitarbeiterinnen der Bildungsverwaltung zu Wort – baut der Band eine Brücke zwischen den von den Autoren vertretenen heterogenen Perspektiven. So eignet sich der erste Teil besonders für Leserinnen und Leser, die sich einen Überblick über Perspektiven auf die „Digitalisierung von Schulen“ verschaffen möchten.

Die Herausgeber bieten dann eine breite Vielfalt an momentan im schulischen Kontext regelmäßig diskutierten Themen, die für eine zeitgemäße Schulentwicklung relevant sein können: von neuen Konzepten für den Unterricht über Best-Practice-Beispiele des Einsatzes digitaler Medien im Unterrichtsalltag und Fragen der Lehrerbildung bis hin zur Beschreibung der Konzeption einer schulischen IT-Strategie am Beispiel der Stadt Nürnberg.

Digital gestütztes Lernen lautet der Titel des zweiten Buches. Verfasst wurde es von Hans-Günter Rolff, Pionier der Schulentwicklungsbegleitung und -forschung im deutschsprachigen Raum, und dem ehemaligen Schulleiter und Ministerialrat Ulrich Thünken; auf den ersten Blick steht es ganz im Gegensatz zu dem ersten Überblicksband.

Nach einer kurz gehaltenen theoretischen Einführung in Rolffs Modell der Schulentwicklung hin zu einem digital gestützten Lernen beschreiben die Autoren ausführlich die Schulentwicklungsprozesse zweier Gymnasien, die vor allem für Schulpraktiker interessant sein dürften und zahlreiche Impulse bieten.

Nicht üblich pertinent

Dann diskutieren Rolff und Thünken aktuelle Themen wie die Personalisierung des Lernens, neue Aufgaben von Lehrpersonen oder Change-Management. Die nachvollziehbare thematische Zusammenstellung zeigt den immensen Erfahrungsschatz der Autoren, den diese auch durch vielfältige praktische Hinweise unterstreichen.

Besonders bedeutsam dürfte dieser Band auch deshalb sein, weil er den Weg zu einer derzeit nicht üblichen pertinenten – also sachdienlichen, relevanten und anwendungsbezogenen – Schul­forschung ebnen mag. Diese wurde in den vergangenen Jahren deutlich zugunsten eines immer größer werdenden Apparats der empirischen Bildungs­forschung vernachlässigt. So stellen die Autoren unter anderem das Zehn-Komponenten-Modell vor: einen Fragebogen, dessen Ziel nicht primär das Entsprechen forschungsmethodologischer Gütekriterien, sondern die Verwendbarkeit im schulischen Alltag ist.

Beide Bände geben aus sehr unterschiedlichen Perspektiven eine Vielzahl an theoretisch wie praktisch fundierten Impulsen zu einer zeitgemäßen digitalen Schulentwicklung auf Unterrichts-, Organisations- und Personalebene. Diesen liegen letztlich mindestens zwei gemeinsame Einsichten zugrunde: Erstens ist die Digitalisierung an Schulen kein Selbstläufer und bedeutet für alle Beteiligten enorm viel Arbeit – in großer Abhängigkeit von den ortsspezifischen Rahmenbedingungen. Zweitens geht es nicht primär um die Beschaffung, Einrichtung und Pflege der Technik, sondern um die damit zusammenhängende mittel- und langfristig ausgerichtete Schaffung zeit­gemäßer Lehr-Lern-Settings.

Beide Bände machen deutlich: Es ist nicht umsetzbar, Schulen mal eben flächendeckend zu digitalisieren – weder mit einem Digitalpakt noch mit einem Sofortausstattungsprogramm (das haben schon vor 20 Jahren Initiativen wie Schulen ans Netz gezeigt). Pädagogisch und didaktisch sinnvolle Prozesse der (digitalen) Schulentwicklung sind auf Jahre und Jahrzehnte zu konzipieren, finden vor Ort im Schulalltag statt und entziehen sich somit einer unmittelbaren politischen Steuerung. Das lässt sich übrigens auch hervorragend an allen erfolgreichen Schulen nachvollziehen, wie etwa der in beiden Publikationen herausgestellten und vielfach ausgezeichneten Alemannenschule Wut­öschingen.

Johannes Zylka ist Realschullehrer, Diplom- und Medienpädagoge und promovierter Bildungsforscher

Hans-Günter Rolff, Ulrich Thünken: Digital gestütztes Lernen. Praxisbeispiele für eine zeitgemäße Schulentwicklung. Beltz, Weinheim 2020, 164 S., € 24,95

Dieter Smolka, Jutta Sengpiel (Hg.): Die Tafel muss raus!? Unterrichten agil, digital, modern. Carl Link, Köln 2020, 239 S., € 39,95

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