Liebe auf der Leinwand

Wir lieben „Vom Winde verweht“ oder „Casablanca“. Offenbar sind solche Filme auch Vorbild für uns, meint die Autorin Daniela Otto.

Liebe auf der Leinwand

Beziehungen brauchen ein Drehbuch, behauptet ­Literaturwissenschaftlerin Daniela Otto

Dass Liebespaare der Filmgeschichte hoch im Kurs stehen, beweist die kürzlich in Dallas erfolgte Versteigerung eines 70 Jahre alten Posters für Casablanca mit dem „Liebespaar“ Ingrid Bergman und Humphrey Bogart. Der Preis: 478 000 Dollar. Umso spannender ist die Idee der Literaturwissenschaftlerin Daniela Otto, in ihrem Buch Lieben, Leiden und Begehren. Wie Filme unsere Beziehungen beeinflussen allen möglichen Beziehungsmustern in der jüngeren Film- und Serienkultur nachzugehen: von der romantischen Liebe bis zu ihren Verknüpfungen mit Macht, Gier und Kapitalismus.

Sind wir „oversexed and underfucked“, wie die Autorin behauptet? Liebe sei ein Kulturprodukt, wir orientierten uns an kulturell verankerten Drehbüchern. Wobei es wichtig sei, dass sich beide Liebenden mit ihrer Wunschvorstellung in ihrem Skript wiederfinden. Das heiß: Wenn eine Frau sich als Märchenprinzessin träumt und der Mann als Pirat, gestalte sich die gemeinsame Zukunft eher schwierig.

Wie bei Romeo & Julia

Otto eröffnet den Liebesreigen mit Romeo und Julia am Beginn des Buches und beendet ihn mit dem Musicalfilm La La Land. Das Shakespeare-Drama steht für die romantische und zugleich kompromisslos radikale Liebe. Auch in La La Land kommen die Liebenden nicht zusammen, aber daran ist nicht die Familienfeindschaft schuld, sondern die Karriere. Kultfilme – dies sei vorab erwähnt – wie Casablanca, Vom Winde verweht oder Jules et Jim, die zärtliche Ménage-à-trois, fehlen in Ottos Liste, vielleicht weil diese Filme nicht mehr ins Heute passen, obwohl sie für unsere Eltern beziehungsweise Großeltern prägend waren und generationenübergreifend wirkten.

„Die Medien lehren uns, wie man heute liebt“, erklärt die Autorin und sieht in manchen Filmen die moderne Version der „Handbücher für Frauen“, mit denen Mädchen des 19. Jahrhunderts den ehelichen Verhaltenskodex lernen sollten. Besonders in der Erfolgsserie Sex and the City finde frau alle möglichen Beziehungsformen vorgespielt.

Können Filme wirklich helfen?

Ob Fifty Shades of Grey, in dem die Protagonisten die Sexualpraktiken sachlich am Konferenztisch verhandeln, Paaren wirklich sexuell auf die Sprünge helfen kann? Die Vampirromanze Twilight vermittle das Bedürfnis nach Keuschheit in der Ehe, in House of Cards werde das Macbeth-Thema Liebe durch Macht abgehandelt, in Avatar die Sehnsucht nach Verschmelzung mit der Urgemeinschaft. Um Käuflichkeit von Liebe und Sex gehe es in Zeiten von Konsum und Kapitalismus in der US-Serie The Girlfriend Experience oder Martin Scorseses The Wolf of Wall Street.

Otto unterlegt die Varianten moderner Beziehungskultur, die Sehnsüchte und das Scheitern nicht nur penibel mit unterschiedlichen Filmen – von Titanic über Frozen, The Revenant, The Affair, Gone Girl, The Bling Ring bis zur Krimiserie Sherlock –, sondern auch mit ermüdend vielen Zitaten von Freud, Jung, Michel Foucault, Roland Barthes, Robert J. Sternberg, Verena Kast und wer sonst noch Rang und Namen hat. Ein von Eugen

Drewermann zitierter Satz lässt hoffen: „Wer liebt, berührt die Unendlichkeit.“

Daniela Otto: Lieben, ­Leiden und Begehren. Wie Filme unsere ­Beziehungen beeinflussen. Hollywoods geheime ­Liebesbotschaften ­entschlüsselt. Springer, ­Berlin 2017, 297 S., € 19,99

Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 4/2018: Die Kunst der Zuversicht
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