Liebe will riskiert werden

Therapiestunde: Eine junge Frau kämpft mit einer Essstörung, Missbrauchserfahrungen – und ihrer inneren kritischen Stimme.

Die Illustration zeigt eine Frau als Domteurin, die eine  Peitsche vor einem großen roten Herz schwingt in einer Zirkusarena.
Die „innere Kritikerin“ in ihr war schlimmer und strenger, als es ihre Eltern je waren. © Michel Streich

Juli kam mit dem Vollbild einer Essstörung zu mir. Sie war 36 Jahre alt, wirkte aber durch den großen Kopf mit Kurzhaarschnitt auf ihrem Size-Zero-Körper zum einen extrem jung, durch den traurigen Ausdruck ihres ausgemergelten Gesichts aber alt und ausgebrannt. Sie war eine erfolgreiche Beraterin im digitalen Universum, dennoch war ihrer Ausstrahlung kein Siegerlächeln eingeschrieben.

Die Bulimie habe mit 18 eingesetzt, dazu die üblichen Verhaltensweisen wie exzessiver Sport und eine streng vegane Diät. Auch bei Juli komplettierte ein hohes perfektionistisches Leistungsniveau das Krankheitsbild. Der Freund, mit dem sie seit zehn Jahren zusammenlebte, war wenig mehr als ein Platzhalter.

Juli fühlte sich wie in einem Film, in dem sie keine Rolle spielte. Alles, auch Sex, war Arbeit. Schon in der ersten Sitzung sprach sie von dem schwierigen Verhältnis zu ihren Eltern. Als sie elf war, habe ihr leiblicher Vater versucht, mit ihr zu schlafen – zum Glück ohne Erfolg. Die Mutter habe nichts gemerkt, die Eltern hätten sich schließlich in Julis 16. Lebensjahr getrennt.

"Die Kriterikerin" im Kopf

In den Folgesitzungen sprachen wir viel über ihren Dissoziationszustand, in dem sie sich von sich selbst abgespalten fühlte und sich nicht richtig spüren konnte. Ihr wurde klar, dass sie diesen Zustand immer dann selbst herbeiführte, wenn „die Kritikerin“ in ihrem Kopf ihr wieder übel zusetzte. Dies war ihr einziger Schutz. Diese Stimme in ihrem Kopf war schlimmer und strenger, als es die Eltern je gewesen waren.

Ich sah „die Kritikerin“ als toxische innere Figur im Sinn eines self-created parent-Objekts an, das sich Kinder typischer­weise zulegen, wenn die real vorhandenen Objekte wie Mutter und Vater nicht zu einer ausreichenden Beelterung willens oder aber in der Lage sind. Ohne Unterlass machte…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 3/2022: Burn on
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