Keine Angst ... sich vor den Kindern zu outen

Die Mutter sagte, der Vater habe "etwas Schlimmes" getan: Gianni Jovanovic, homosexuell, über seine Angst, sich vor seinen Kinder zu outen.

Gianni Jovanovic erzählt: „Mit 18 habe ich in einem Club zum ersten Mal einen Mann geküsst. Ich war euphorisch und wusste, dass ich schwul bin. Aber ich komme aus einer traditionellen Roma-Familie und wurde mit 14 verheiratet, mit 17 hatte ich zwei Kinder. In meiner Familie gab es keine Alternative zu Heterobeziehungen.

Schwul zu sein war eine Katastrophe. Aus Angst, meine Kinder zu verlieren, wagte ich nicht, meine Identität offen auszuleben. Ich fürchtete, dass sie angefeindet würden und meine Familie uns den Kontakt verbieten könnte.

Männer traf ich nur heimlich. Meine damalige Frau unterstellte mir eine Affäre und setzte mich so unter Druck, dass ich mich vor ihr outete. Daraufhin beschimpfte sie mich, und mein Vater schleppte mich zum Psychiater. Den Kindern erzählten sie, ich hätte etwas Schlimmes getan.

Zum Glück konnte ich die Kinder weiterhin sehen. Meinen Freund, mit dem ich nun verheiratet bin, stellte ich als Geschäftspartner vor. Er und meine Psychotherapeutin gaben mir Halt. So fühlte ich mich stark genug, bei einem Sonntagsfrühstück offen mit meinen Kindern zu sprechen. Da waren sie etwa zehn und elf, und ich lebte als erfolgreicher Unternehmer – das gab mir ebenfalls Selbstsicherheit.

Dieses Outing war sehr heilsam, denn meine Kinder reagierten großartig und meine Angst war eigentlich unbegründet gewesen. Beide hatten geahnt, dass Paul und ich ein Paar sind. An ihrer Liebe zu mir hatte das nichts geändert. Viel später erzählte mir meine Tochter, dass sie von der Mutter schon wusste, dass ich schwul bin. ,Aber Papa, das war mir scheißegal!‘“

Gianni Jovanovic ist Autor und Aktivist gegen Sexismus und Diskriminierung

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 7/2022: Sehnsucht
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