„Mit Angst sammeln“

Den ehemaligen US-Präsidenten Obama hält der Philosoph Alexander Fischer für einen großen Manipulator – den aktuellen Präsidenten Trump auch. Was unterscheidet die beiden?

Barak Obama und Donald Trump im Orals Office nach Trumps Wahl zum Präsidenten 2016
Zwei Manipulatoren: US-Präsident Donald Trump mit seinem Vorgänger Barack Obama 2016 im Oval Office © Getty Images

Herr Dr. Fischer, Sie haben sich in Ihrer Promotion mit dem Wesen von Manipulation beschäftigt. Warum halten Sie den ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama für einen großen Manipulator?

Schauen Sie sich zum Beispiel Obamas Victory-Speech aus dem Jahr 2008 an, die berühmte „Yes-we-can“-Rede. In ihr erzählt er die Geschichte einer 106-jährigen Afroamerikanerin und was sie an Kummer, Hoffnung und Fortschritt alles erlebt und überstanden hat in ihrem Leben. Und dass Menschen wie sie am amerikanischen Traum festgehalten haben, und wenn sie es kann, dann können wir es auch – „yes we can“. Und das Publikum fällt in diesen Chorus mit ein. Wenn Sie sich die ganze Rede ansehen, fällt auf, dass sie wunderbar erzählt ist, aber im Prinzip ziemlich inhaltsleer. Es geht um Hoffnung, Amerika wieder aufbauen, das gemeinsam zu schaffen. Obama agiert hier als großartiger Manipulator, die Rede hat tastsächlich fast kulturübergreifend Gänsehautcharakter. Alleine diese Wiederholungen – unser Gehirn mag Wiederholungen ja gern – der Rhythmus, mit dem das Ganze gemacht wird, Obamas Art, als charismatischer Redner zu sprechen – das alles ist wirklich beeindruckend gut gemacht und umgesetzt. Obama und sein Team wussten, wie auf der affektiven Klaviatur der Massen zu spielen ist.

Wie beurteilen Sie Trump als Manipulator?

Trump sagt in seiner Victory Speech 2017 inhaltlich gar nicht so viel anderes als Obama: Wir wollen Amerika wieder groß machen, aufbauen, wir müssen verloren gegangene Bedeutung gemeinsam wieder finden – das ist inhaltlich also ganz ähnlich zu Obamas Botschaft und sicherlich die Botschaft vieler US-Präsidenten. Aber die Art und Weise, wie Trump und Obama agieren, ist sehr unterschiedlich. Trump kreiert ein Wir, das ganz klar exklusiv ist, gegen Feinde abgegrenzt. Er arbeitet mit negativen Affekten, vor allem Angst. Bei Trump geht es darum, dass er der starke Geschäftsmann ist (quasi sowas wie ein moderner Messias), der die Sache jetzt regeln wird. Die Rede ist nicht der Beginn eines Diskurses, sondern Trump sagt, wie es gemacht wird – die anderen sollen sodann folgen und helfen.

Und bei Obama?

Obama kreiert ein Wir, das inklusiv ist, alle Amerikaner, mehr noch: auch Menschen anderer Länder einschließt. Er spricht nicht von Feinden, er sagt nur: ,Wir sind ein tolles Volk und allen anderen werden wir schon wieder zeigen, was wir für ein tolles Volk sind‘ – einfach dadurch, dass wir gemeinsam anpacken. Beide Reden verbindet also die Metapher des Bauens, es geht beiden um das Gewinnen von Unterstützern durch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft für die USA. Obama allerdings arbeitet ganz dezidiert mit positiven Affekten, mit Liebe, mit Hoffnung, da geht es um Morgenlicht, um Sonne, Ehrlichkeit, Demokratie, um ein gemeinsames Voranschreiten in garantierten Widrigkeiten auf einem Weg (während Trump nur vom Ziel spricht übrigens), die Kreation eines gemeinsamen Spirits. Er hat – idealisiert gesprochen – versucht, die Leute auf dieser manipulativen Ebene zu kriegen, um dann in den Diskurs zu gehen, in dem es um Inhalte geht, darum, gemeinsam Lösungen zu erarbeiten. Während Trump den Diskurs vermeidet, es gibt sowieso keine andere Variante als seine. Bei ihm geht es nur darum, die Menschen auf einem schwebenden und immer zitternden Affekt-Level zu halten.

Sie unterscheiden in Ihrem Buch zwischen legitimer und illegitimer Manipulation. Legitim ist für Sie eine Form der Manipulation, die respektvoll mit dem Gegenüber umgeht. Würden Sie sagen, Trump und Obama sind unterschiedlich respektvoll in Ihrer Art der Manipulation?

Ja, sogar dezidiert unterschiedlich respektvoll. Trump arbeitet mit Mitteln, die problematisch sind: mit dem Spaltenden, dem Exklusiven, krassen Schuldzuweisungen, mit Symbolen, die auf Ängste abzielen wie der Mauer zu Mexiko oder dem Bild von den vergewaltigenden Mexikanern, das er im Wahlkampf verwendet hat (von nicht wenigen hanebüchenen ‚alternativen Fakten’, die schlicht täuschend und auf die Affektive abzielen sind – man denke nur daran, dass Obama den IS gegründet haben soll –, ganz zu schweigen). An Symbole wie die Mauer können ganz unterschiedliche Leute andocken, Menschen, die an eine ganz konkrete 30 Meter hohe Mauer denken, andere, die sich lediglich eine politisch stärker kontrollierte Grenze wünschen oder wieder andere, die Angst vor der Einwanderung von Latinos haben. Mit angstbehafteten Symbolen kann man wunderbar sammeln, Menschen unterschiedlichster Art, die sich vorher nicht zwingend die Hand gegeben hätten, zusammenbringen und quasi neue Gruppierungen schaffen.

Wenn man sich dieser Art von Symbolpolitik bewusst wird, verändert das ihre Wirkung? Oder bedarf es anderer, stärkerer Symbole oder charismatischer Gestalten, um gegen eine Politik wie jene von Trump erfolgreich zu sein?

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 11/2018: Manipulation durchschauen
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