Auf Fremde zugehen

Psychologie nach Zahlen: 5 durchaus eigennützige Gründe, Kontakt aufzunehmen.

Mit der Vertrautheit schwinden die Ressentiments. © Till Hafenbrak

Manchmal kostet es Überwindung, auf Fremde zuzugehen. Vorurteile, Unsicherheit, aber auch Gleichgültigkeit stehen uns im Weg. Doch wer die Hürden überwindet, kann davon auf vielfältige Weise profitieren.

1 Hilfsbereitschaft

Im Jahr 1954 stellte der Psychologe Gordon Allport seine Kontakt­hypothese auf: Je mehr wir mit Fremden zu tun haben, umso weniger Vorurteile hegen wir ihnen gegenüber. Mit der Vertrautheit schwinden die Ressentiments. Mehr noch: Solche Begegnungen spornen auch generell unsere Hilfsbereitschaft an. Das beobachteten kürzlich Forscher um Jared Nai von der Singapore Management University. In ihrer Studie werteten sie unter anderem die Daten der offiziellen Website aus, auf der Freiwillige im Zuge der Boston-Attentate von 2013 Fremden ihre Hilfe angeboten hatten. „Diese Helfer waren größtenteils Menschen aus multikulturellen Nachbarschaften der amerikanischen Großstadt“, berichten die Wissenschaftler. Sie kontrollierten, ob andere Einflüsse wie Bildung oder Religiosität die altruistische Haltung erklären konnten. Aber am Ende deutete alles auf Allports Kontakthypothese: Es war der tägliche Um­gang mit Menschen aus anderen Kulturen, der die freiwilligen Helfer aus Boston so hilfsbereit gemacht hatte.

Jared Nai u. a.: People in more racially diverse neighborhoods are more prosocial. Journal of Personality and Social Psychology, 2018. DOI: 10.1037/pspa0000103

2 Schmerztoleranz

Fremde lindern körperlichen Schmerz. Buchstäblich. Die Probanden eines internationalen Forschungsteams lagen in der Röhre eines Magnetresonanztomografen, während ihnen schmerzhafte Stromstöße auf ihren linken Handrücken verabreicht wurden. Anschließend wurde ein Teil der Teilnehmer von einer Person ihrer eigenen Nationalität verarztet. In der anderen Gruppe sorgten Menschen aus einem der Balkanländer – einem für die Behandelten fremden Kulturkreis – für die Schmerzlinderung. Und gerade in dieser Gruppe schlug die Behandlung besser an als in der ersten. „Die schmerzbezogene Hirnaktivierung war bei diesen Probanden verringert“, berichtet Philippe Tobler von der Universität Zürich. Er und seine Kollegen vermuten dahinter eine Art Überraschungs­effekt: „Die Studienteilnehmer, die schmerzlindernde Maßnahmen von einem Fremden erhielten, hatten nicht mit der effektiven Hilfe gerechnet.“ Umso größer war ihre Verblüffung, als es dann doch viel weniger weh tat – und gerade dieser Kontrast zur Erwartung senkte das Schmerzempfinden zusätzlich.

Grit Hein, Jan Engelmann, Philippe Tobler: Pain relief provided by an outgroup member enhances analgesia. Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, 2018. DOI: 10.1098/rspb.2018.0501

3 Selbstlosigkeit

Mit dem Alter scheint es uns leichterzufallen, selbstlos gegenüber anderen Menschen zu sein. Das bestätigten Narun Pornpattananangkul und sein Team aus Singapur in einer Studie. Sie basierte auf dem „Diktatorspiel“, in dem Probanden eine Geldsumme zwischen sich und einem Fremden aufteilen sollen. Dabei waren die älteren Teilnehmer deutlich freigiebiger als die jüngeren. „Menschen wenden sich mit dem Alter generell eher vom Eigeninteresse ab und suchen nach Quellen, die dem Leben einen größeren Sinn verleihen“, vermuten die Forscher. Und gerade Selbstlosigkeit gegenüber Fremden, von der wir uns nichts versprechen können, schenke dem Leben mehr Bedeutung.

Narun Pornpattananangkul u. a.: Social discounting in the elderly: Senior citizens are good samaritans to strangers. The Journals of Gerontology: Series B, 2017. DOI: 10.1093/geronb/gbx040

4 Sensibilität

Bereits kurze Achtsamkeitsübungen machen uns empfänglicher für die soziale Ausgrenzung anderer Menschen – und motivieren uns, etwas dagegen zu unternehmen. Das dokumentierten Forscher um Daniel Berry von der California State University. Ein Teil ihrer Probanden übte sich aktiv in Achtsamkeit, die anderen entspannten sich einfach so. Anschließend schauten alle Teilnehmer einem digitalen Ballspiel zu. Dabei wurde einer der Spieler von den zwei anderen ausgeschlossen: Er bekam kaum den Ball zugespielt. Das änderte sich, als die achtsamkeitstrainierten Teilnehmer in das Spiel eingreifen durften. Sie bezogen den Ausgegrenzten nicht nur deutlich häufiger ein als zuvor die virtuellen Mitspieler, sondern auch als die Probanden von der Kontrollgruppe. Außerdem schrieben die Achtsamen dem Fremden eine herzlichere, zuversichtlichere Nachricht als jenen beiden Spielern, die ihn ausgegrenzt hatten. „Die Studie verdeutlicht, dass wir Mitgefühl und Hilfsbereitschaft für Menschen, die uns fremd sind, fördern können“, so die Wissenschaftler.

Daniel R. Berry u. a.: Mindfulness increases prosocial responses toward ostracized strangers through empathic concern. Journal of Experimental Psychology: General, 2018. DOI: 10.1037/xge0000392

5 Offenheit

Musik schlägt eine Brücke zwischen den Kulturen: Dank ihr lernen wir fremde Länder und ihre Bewohner auf positive Weise kennen. Portugiesische Forscher dokumentierten die besondere Wirkung der Musik bei jungen Heranwachsenden. Sechs Monate lang nahm eine Gruppe an einem Programm teil, das sie mit den musikalischen Traditionen und Eigenarten fremder Kulturen vertraut machte. Dabei lauschten die jungen Teilnehmer nicht nur der unbekannten Musik, sondern sangen nach einiger Zeit selbst mit. Nach insgesamt 20 Sitzungen, die jeweils 90 Minuten dauerten, untersuchten die Forscher um Félix Neto, ob das Programm die erwünschten Folgen hatte: Tatsächlich zeigten die jungen Probanden deutlich weniger Vorurteile (etwa gegenüber Migranten) als die Kontrollgruppe, die nicht an dem musikalischen Projekt teilgenommen hatte. Der positive Effekt war allerdings auf Menschen aus jenen Ländern beschränkt, die die jungen Probanden während ihrer musikalischen Odyssee kennengelernt hatten.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 3/2019: Die Kunst des Aufgebens
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