Jenseits der Selbstbezogenheit

Im Interview erklärt die Schriftstellerin Juli Zeh, warum unser Glücksanspruch zu hoch ist und unsere ständige Suche nach Identität unnötig.

Die Schriftstellerin Juli Zeh steht in einer dörflichen Idylle an der Straße und blickt nachdenklich
Die Schriftstellerin Juli Zeh wünscht sich, dass wir alle weniger selbstbezogen wären. © Thomas Müller

Frau Zeh, das Thema Selbstoptimierung zieht sich wie ein roter Faden durch Ihre Bücher. Was interessiert Sie daran?

Für mich ist das ein Lebensthema, es beschäftigte mich schon während meines Jurastudiums in den 1990er Jahren. Die Individualisierung nahm damals richtig Fahrt auf, und ich fragte mich, ob es für Einzelne und für die Gesellschaft gesund sein kann, wenn jeder sich primär auf sich selbst bezieht – und was das für eine Demokratie bedeutet, die ja vom Volk ausgeht und nicht von 83 Millionen Ego-Shootern. Diesen Konflikt habe ich auch bei mir selbst gespürt: Ich bin ein politischer Mensch, wollte mich aber als junge Erwachsene nie auf eine Partei einlassen. Zu einer Gruppe zu gehören löste Unbehagen aus.

Warum waren Ihnen Gruppen damals unangenehm?

Wir alle sind infolge des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts sehr darauf getrimmt worden, uns nicht vereinnahmen zu lassen, selbst zu denken, alles zu hinterfragen, immer als Individuum dastehen zu können. Das kollidierte für mich früher mit einer Parteizugehörigkeit. Gruppen nicht blind zu vertrauen, das ist ja an sich auch sinnvoll. Aber wie mit allen Dingen, die man in eine Richtung übertreibt: Irgendwann kriegt Individualismus auch ein dunkles Gesicht.

Wenn Sie an die Figuren Ihrer Romane denken: Was sind die hellen und die dunklen Seiten des ständigen Selbstbezugs?

Literatur beschäftigt sich ja eher mit den Dingen, die schiefgehen, man diagnostiziert immer auch ein bisschen, was nicht optimal läuft. Deshalb zeigen meine Figuren...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 8/2019: Paare im Stress
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