Brexitpsychologie

Der Brexit liegt den Menschen in Großbritannien schwer auf der Seele und zwar Befürwortern und Gegnern. Was Psychologen über den Brexit sagen.

Fast vier Jahre nach dem Brexitreferendum haben sich Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden der Briten deutlich verschlechtert – und zwar sowohl bei Anhängern wie bei Gegnern des Austritts aus der Europäischen Union. Das lange politische Ringen um den Zeitpunkt, um No-Deal oder Deal, um welchen Deal sowie um Neuwahlen liegt mittlerweile offenbar wie Blei auf dem Gemüt vieler Briten. Dies zeigen psychologische und verhaltenswissenschaftliche Studien und Umfragen. Der Brexit habe sich seit dem Referendum im Jahr 2016 zu einem „ausgewachsenen Psychodrama“ entwickelt, zu diesem Fazit kommt der britische Psychologe Brian M. Hughes in seinem im Oktober 2019 erschienen Buch über die Psychologie des Brexits. 

Für Hughes ist der Brexit ein Musterbeispiel dafür, wie Menschen und Menschengruppen politisch entscheiden, wie sie dabei Denkfehlern erliegen und wie stark ihr Denken von Emotionen, Wünschen und Hoffnungen geprägt ist – und wie dann die Entscheidung selbst Stress verursacht, Diskriminierung verstärkt oder psychische Probleme auslöst. Der Brexit lasse „das Gehirn schmelzen“, meint der Forscher und zeige besonders gut, wie wir alle dazu neigen, die Komplexität des Ereignisses gedanklich herunterzuspielen - eine große Herausforderung liege schon darin, das Phänomen als Ganzes zu begreifen und zu erklären. 

Mehr Stress, mehr Diskriminierung

Über die negativen Auswirkungen des Brexits auf die Psyche berichtet eine Studie der britischen Mental Health Foundation, die der US-amerikanische Psychologenverband APA zitiert: 43 Prozent der Befragten gaben an, sich oft hilflos zu fühlen, 39 Prozent berichteten von mehr Ärger und 38 Prozent von größerer Besorgnis. Wie eine Forscherin der Mental Health Foundation gegenüber der APA erklärte, gelte dies unabhängig davon, ob die Befragten für oder gegen den Brexit sind. Nicht zuletzt sähen sich auch people of color, Immigranten und Angehöriger ethnischer Minderheiten seit dem Referendum in einem deutlich höheren Maß Fremdenfeindlichkeit und Rassismus ausgesetzt. Sie würden nach dem Brexit womöglich Schutz verlieren, den ihnen bislang die EU Charta der Menschenrechte gewähre – was psychische Probleme auslösen und verstärken könne. Dass dies auch tatsächlich passiert, fand der Sozialpsychologe David M. Frost heraus, der am Londoner University College forscht. Bei mehr als 300 Migranten ließ sich in einer aktuellen Studie zeigen, dass diejeningen, die in Gegenden mit vielen Brexitwählern lebten, mehr Diskriminierung erlebten und in dieser Stichprobe die Anzahl der Angststörungen deutlich zunahm. Während zugleich, wie Brian Hughes berichtet, unter Brexitbefürwortern auch viele Migranten und Angehöriger ethnischer Minderheiten sind. 

Wer sich als Europäer sieht und wer nicht

Der Verhaltenswissenschaftler Georgios Kavetsos von der Queen Mary University of London wertete Daten des Eurobarometers aus den Jahren 2015 bis 2017 aus. Im Eurobaromenter befragt die Europäische Union regelmäßig Europäer in den Mitgliedsländern, unter anderem nach ihrem Wohlbefinden sowie danach, wie sehr sie sich mit Europa identifizieren. Ergebnis: Das Wohlbefinden der Briten wurde im Vergleich zum restlichen Europa seit dem Datum des Referendums signifikant schlechter, unabhängig davon, ob sich britische Befragte sehr stark als Europäer fühlten oder ob sie sich nicht mit Europa identifizierten. 

Bei denjenigen Befragten, die sich als Europäer fühlen, sank der Zufriedenheitslevel stärker ab als bei denen, die sich nicht als Europäer definieren. Bei ihnen stieg in den ersten Monaten nach dem Referendum die Zufriedenheit deutlich an und ging danach wieder zurück. Der Brexit habe das homöostatische Gleichgewicht der britischen Gesellschaft zum Erliegen gebracht und so beträchtliches Leiden und eine Menge Stress über die Bevölkerung gebracht, lautet das Resümee des Psychologen Brian Hughes.  

Dass das so ist, hat natürlich unterschiedliche Gründe: Bei den Brexitbefürwortern entstand laut Kavetsos in den fast vier Jahren der Eindruck, dass die Versprechen des Brexits womöglich nicht eingehalten werden, etwa das des wirtschaftlichen Aufschwungs oder der Möglichkeit, nun wieder selbst zu entscheiden und ein Gefühl von Kontrolle zurückzuerlangen. Bei den Gegnern hingegen, besonders den unter 34-Jährigen, die zu 70 Prozent gegen den Brexit stimmten, mehrten sich Sorgen über ihre Zukunft und Lebensperspektiven, falls Freizügigkeiten und berufliche Möglichkeiten mit dem Brexit eingeschränkt werden. Die regelmäßigen Demonstrationen gegen den Brexit zeigen auch, dass zumindest bis Herbst 2019 immer wieder Hoffnungen aufkeimten, das Ganze könnte womöglich rückgängig gemacht werden.  

Korrekturen kaum mehr möglich

Das wird wohl nicht der Fall sein. Georgios Kavetsos nannte auf einer Veranstaltung der British Psychological Society noch einen weiteren Grund für die starken emotionalen Reaktionen auf den Brexit. Das Brexitreferendum habe sich in zwei Punkten von einer normalen, zyklisch stattfindenden Parlamentswahl unterschieden. Der Erste: Sind Wähler mit einem Wahlergebnis und ihren Politikern nicht zufrieden, können sie bei der nächsten anstehenden Wahl versuchen, das zu korrigieren. Hier aber sei das Ergebnis für eine lange, unbestimmte Zeit festgelegt worden, was den Remainern die Chance der Korrektur nimmt. 

Zweiter Punkt: Der „stark binäre Charakter“ dieser Entscheidung, wie Kavetsos es ausdrückte. Es gab nur „Ja“ oder „Nein“, sonst nichts – ohne dass bekannt war, was genau unter einem Austritt aus der EU zu verstehen sei, welche Folgen er für wen haben könnte. Nicht zuletzt daraus hat sich aus Sicht des Verhaltenswissenschaftlers das lang andauernde politische Ringen ergeben, unter dem nun auch die Brexitbefürworter leiden, nachdem ihre anfängliche Freude sich gelegt hatte.

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