Lehrer – oder Lernbegleiter?

Dauerhaft überreizte und gestresste Eltern spüren und erfüllen das Bedürfnis ihres Kindes nach Zuwendung, Sicherheit und Führung nicht mehr. Wo Ruhe und Ausgeglichenheit fehlen, nimmt die Beziehung zwischen Eltern und Kindern Schaden. Der Versuch, die ständige Überforderung zu kompensieren, führt viele Eltern direkt in die Beziehungsstörung der Symbiose, in der sie nicht mehr zwischen sich und ihrem Kind unterscheiden können.

Infolgedessen bleibt die Psyche der Kinder unentwickelt, die soziale und emotionale Intelligenz unausgereift und im Kleinkindalter stecken. So etwa lautete die Diagnose des Bonner Kinder- und Jugendpsychiaters Michael Winterhoff, der vor elf Jahren in seinem ersten Buch erklärte,Warum unsere Kinder Tyrannen werden. Und heute? „Der Kampf ist so gut wie verloren“, schreibt Winterhoff.

Das Erregungslevel sei so hoch wie nie zuvor – da darf man das Buch und seinen Titel Deutschland verdummt getrost miteinbeziehen. Deswegen ist aber der Befund noch nicht falsch: Erwachsene stünden ständig unter Strom, die Beziehung zwischen Eltern und Kindern sei – bei aller Liebe – nachhaltig gestört. Die Hoffnung, die Psyche von Kindern doch noch zu entwickeln, lag auf Erziehern im Kindergarten und Lehrern in der Schule. Ergebnis: „Fehlanzeige“.

Nachhaltiges Lernen: „Psyche muss sich an echten Menschen orientieren“

Winterhoff analysiert die durchideologisierte Bildungslandschaft der letzten zwanzig Jahre und sieht auf allen Ebenen fehlende Entwicklungsmöglichkeiten. Kindergärten und Grundschulen seien zu „Stätten des organisierten Verwahrens“ mutiert. Ganz falsch ist das nicht: Die Auffassung, dass man Kindern nur freie Bahn lassen muss, damit sie sich von ganz allein zu verantwortungsbewussten und sozialkompetenten Erwachsenen entwickeln, spukt seit zwanzig Jahren durch die Schule und lässt die Kinder im Regen stehen, weil die unentwickelte Psyche ohne Orientierung an echten Menschen eben nicht nachhaltig lernen kann.

Ebenso willfährig wie hilflos reagiert die Schulpolitik. Statt das Übel an der Wurzel zu packen, wurden die Standards abgesenkt. Beispielhaft führt Winterhoff an: Noten und Schreibschrift abschaffen, Diktate aus den Lehrplänen streichen, Inklusionskinder in übervolle Klassen stecken, mittelmäßige Leistungen als sehr gute bewerten.

„Offener Unterricht“ sei das schlimmste, was Kindern passieren könne, denn dort falle der Erwachsene einmal mehr als Orientierung aus, weil er entweder sozialintegrativ auf der Fensterbank herumsitze oder als Lernbegleiter lediglich die Materialien bereitstelle und vielleicht noch den Stift reiche, wenn das Kind zur autonomen Selbstbeurteilung schreite und eines von drei Smileys (super/mittel/noch nicht ganz so super) ankreuze.

Digitalisierungsstopp, mehr Geld und mehr Anerkennung

Die anhaltende Katastrophe für Kinder, Eltern und Lehrer, aber auch die ganze Gesellschaft beschreibt Winterhoff mit dem ihm eigenen Furor und mit einer gehörigen Portion Wut, die ansteckt oder abschreckt, je nachdem. Unterkomplex oder einfach geschrieben? Redundant oder eindringlich? Schonungslos oder alarmistisch? Die einen sagen so, die anderen so. Winterhoff vermittelt seine Botschaft laut und deutlich, das ist für einen Weckruf in Ordnung.

Sein Buch ist wichtig und vieles darin richtig, wenn auch stark mittelschichtig durchargumentiert. Manches fehlt: So sind Kinder mit Migrationshintergrund familiär durchaus mit Autoritäten vertraut und deshalb in der Grundschule einmal mehr verwirrt über Lernbegleiter, die nur aussehen wie Lehrer.

Winterhoff bleibt nicht bei Analyse und Anklage, sondern macht Vorschläge zur Abhilfe: Kleine Klassen wären gut, Lehrer und Erzieher im Teamteaching, mehr Geld natürlich und mehr Anerkennung für Lehrer auch. Er fordert auch einen Stopp der Digitalisierung in den Klassenzimmern wie im richtigen Leben, um mehr Ruhe in die permanente digitale Panikmache zu bringen. Das ist unrealistisch, aber manchmal muss man das Unmögliche verlangen, um das Mögliche zu erreichen. Damit eines Tages aus Lehrern wieder Menschen mit Klasse und aus Schülern gut unterrichtete Kreise werden.

Michael Winterhoff: Deutschland verdummt. Wie das Bildungssystem die Zukunft unserer Kinder verbaut. Gütersloher Verlagshaus 2019, 221 S., € 20,–

Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2019: Räume der Seele
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