„Ein Moralzentrum im Gehirn gibt es nicht“

Lässt sich die Moral verbessern, wenn man ins Gehirn eingreift? Die Medizinethikerin Sabine Müller sieht entsprechende Vorschläge sehr kritisch. ​

Die Illustration zeigt einen Kopf in dem man in das Gehirn schauen kann, das von mehreren Spritzen behandelt wird, weil man die Moral verbessern möchte
Bohrer, Messer und Skalpelle: Chirurgische Eingriffe ins Gehirn verbessern die Moral nicht unbedingt. © Christian Gralingen

Seit einigen Jahren werden wiederholt Vorschläge in wissenschaftlichen Publikationen veröffentlicht, die menschliche Moral mit einem Eingriff ins Gehirn zu verbessern (siehe den Kasten unten). Wie kommen die Autoren darauf, dass das möglich sein könnte?

Es gibt weltweit immer mehr Versuche, durch neurochirurgische Eingriffe psychiatrische Störungen zu therapieren, vor allem mit der tiefen Hirnstimulation. Sie wird besonders bei Zwangsstörungen und Depressionen eingesetzt, aber in kleinen Studien auch bei vielen anderen psychiatrischen Erkrankungen wie Angst- und Suchtstörungen, Anorexia nervosa oder Schizophrenie.

Wie funktioniert die tiefe Hirnstimulation?

Dabei werden in der Regel zwei Elektroden aus Metall – jeweils etwa so dick wie ein ungekochter Spaghetto – tief in das Gehirn implantiert. Man schiebt sie durch zwei kleine Bohrlöcher in der Schädeldecke ganz langsam bis in ein bestimmtes Areal, das je nach Erkrankung und Patient variiert. Die Elektroden sind mit einem Stimulator verbunden, einem kleinen Gerät, das meist unter dem Schlüsselbein oder im Bauchraum sitzt und permanent Strom abgibt. Der Begriff Stimulation ist ein wenig irreführend. Meist wird nämlich das Areal, in dem die Elektroden sitzen, durch den Strom ausgeschaltet.

Und das lindert die Symptome?

Das Verfahren ist vor allem aus der Behandlung von Morbus Parkinson bekannt. Bei den Parkinsonpatienten verschwindet das typische Zittern der Hände, genauso die Bewegungssteifigkeit oder die Probleme beim Sprechen, sobald man das Gerät einschaltet. Bei der...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 9/2020: Meine Zeit kommt jetzt
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