Reden ist Kleister

Lästern hat zu Unrecht einen schlechten Ruf. Vielmehr hält es die Gesellschaft zusammen, sagen Forscher. Tratsch sei gar das Fundament unseres Daseins. ​

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Lästern hat einen schlechten Ruf – bildet aber gleichzeitig das Fundament mit unseren Mitmenschen. © Sabine Kranz

Wenn wir von Begegnungen auf unserer Urlaubsreise berichten („Remo war so ein toller Gastgeber“); wenn wir abends nach Hause kommen und dem Lebensgefährten von unserem Arbeitstag erzählen („Ich hatte heute eine Fortbildung und der Referent war zum Schnarchen“); wenn wir den Freunden vom Punktspiel im Sportverein erzählen („Und dann hat der Typ mich einfach gefoult, der Arsch“) – genau dann lästern wir. Und hätten es selbst wohl kaum gedacht.

Lästern hat ein schlechtes Image. Wenn wir davon hören, denken wir an biestige Zeitgenossen, die mit gespaltener Zunge bösartig über andere wettern, den Ruf von Unschuldigen beschmutzen, rachsüchtig Lügen in die Welt setzen, sich aufwerten, indem sie andere hinter deren Rücken abwerten. Weit gefehlt, sagen Forscher. „Wir alle lästern“, konstatiert die Psychologin Myriam Bechtoldt, Professorin an der EBS, Universität für Wirtschaft und Recht in Wiesbaden. Sie und viele andere Wissenschaftler betonen: Klatsch und Tratsch sind viel mehr als nur das, was wir gemeinhin darunter verstehen. Und sie haben sogar eine noble Funktion in unserer Gesellschaft.

„Wir haben ein widersprüchliches Verhältnis zu gossip, wie Lästern im Englischen heißt. Wir unterhalten uns wahnsinnig gern über andere, aber gleichzeitig wollen wir nicht das Image einer Klatschbase haben“, sagt Myriam Bechtoldt. Es sei an der Zeit, sich mit dem Phänomen auszusöhnen. Der Duden beschreibt Lästern als „sich über jemanden, über etwas abfällig, mit kritischen oder ein wenig boshaften Kommentaren äußern“, typische Synonyme sind für viele Verhöhnen oder Schlechtmachen.

Keinesfalls eine Randerscheinung

In der Wissenschaft sieht man das Phänomen bei weitem nicht so schwarz-weiß. „Lästern bedeutet im Grunde nur, dass Menschen Informationen über eine dritte, nicht anwesende Person austauschen und diese bewerten. Die Bewertung kann sowohl positiv als...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2020: So gelingt Entspannung
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