Schuld an Naturkatastrophen?

Kommt es heute zu einer Naturkatastrophe, haben wir ein schlechtes Gewissen. Die Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston erklärt, warum das so ist.

Eine Landschaft wurde von einem Fluss überflutet und man sieht von den Häusern größtenteils nur die Dächer aus dem Wasser ragen
Kommt es zu einer Naturkatastrophe wie beim Hurrikan Katrina oder dem Erdbeben in Japan, sind wir nicht nur entsetzt. © RoschetzkyIstockPhoto/Getty Images

PSYCHOLOGIE HEUTE Wann immer eine Naturkatastrophe geschieht, lesen wir in den Zeitungen: „Die Natur schlägt zurück.“ Ist das der Ausdruck eines veränderten Bildes der Natur?

LORRAINE DASTON Ja, insbesondere wenn man das aktuelle Bild der Natur mit dem vergleicht, das wir vor 20 oder 30 Jahren hatten. Ich nenne nur zwei Beispiele. Als am 18. Mai 1980 der Mount St. Helens ausbrach, der schlimmste Vulkanausbruch in der amerikanischen Geschichte, gab es viele Artikel in den Zeitungen darüber, wie traurig das Ereignis sei. Menschen sind umgekommen, Eigentum wurde zerstört. Aber das Gute daran sei, dass niemand dafür verantwortlich ist. Niemand ist daran schuld. „You can’t blame a volcano“, hieß es in der New York Times. Damals waren Naturkatastrophen eine Art verantwortungsfreie Zone, ganz explizit im Kontrast zu Umweltschäden wie etwa dem Waldsterben, bei denen man von Schuld und Verantwortung sprach, vielleicht sogar von Haftung. Jetzt gibt es so gut wie keine Naturkatastrophe mehr, bei der es nicht heißt: Das ist teilweise ein natürliches Ereignis, aber die Menschen sind mit schuld daran. Sie hätten nicht im Überflutungsgebiet bauen und darauf verzichten sollen, die Flüsse zu begradigen.

Das eklatanteste Beispiel in der neuesten Zeit ist Fukushima. Wir bezeichnen das Erdbeben, den Tsunami und den Reaktorunfall alle kurz mit „Fukushima“. Die Öffentlichkeit konzentriert sich nur auf diesen Reaktorunfall, nur auf den Teil, für den es menschliche Verantwortung gibt. So versuchen…

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