Kontrolliertes Halluzinieren

Zwei Bücher analysieren die Chancen und Gefahren von Geschichten und zeigen, wie leicht wir zu Gefangenen dieser Narrative werden können.

Im Spielfilm Die Truman Show wächst Truman Burbank in einer künstlichen Kleinstadt auf, ohne zu ahnen, dass er Hauptdarsteller einer Fernsehshow ist. Ein vom Himmel fallender Scheinwerfer und noch andere Pannen führen ihn schrittweise zur Erkenntnis, dass er in einer großen Lüge lebt. Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer applaudieren, als ihm schließlich die Flucht aus der Scheinwelt gelingt und er so zum Autor seiner gänzlich neuen Lebensgeschichte wird.

Wie leicht wir zu Gefangenen von Geschichten werden, mit denen wir unser eigenes Leben, die Gemeinschaft und den Kosmos deuten, zeigen Samira El Ouassil und Friedemann Karig in ihrem faszinierenden Buch Erzählende Affen. Sie untersuchen die Licht- und Schattenseiten großer Geschichten, die uns meist weitaus stärker prägen, als uns bewusst ist. Dabei machen sie deutlich, wie uns Geschichten Hoffnung, Sinn, Kraft und Trost schenken, aber auch zu Dogmatismus, Fanatismus und Intoleranz verleiten, wenn sie einfache Schwarz-Weiß-Bilder komplexer Konflikte zeichnen.

Samira El Ouassil und Friedemann Karig belegen, dass Geschichten aus unterschiedlichen Gattungen, Weltregionen und Zeitaltern erstaunlich viele Ähnlichkeiten aufweisen. Sie besprechen dramatische Grundstrukturen, die die Wissenschaft mithilfe ausgeklügelter Computerprogramme aufspürt. Schriftsteller, Filmproduzentinnen und Marketingexperten kennen und nutzen die magische Wirkung altbewährter Erzähltechniken.

Die Rezeptur guter Geschichten

Das Buch bietet fesselnde und vergnügliche Analysen berühmter Märchen, Mythen, Romane und Filme. Es erläutert, wie und warum uns die Bibel, die Odyssee, Aschenputtel, Superman und Harry Potter so tief bewegen.

Homo narrans möchten El Ouassil und Karig unsere Gattung taufen: der Geschichten erzählende Mensch. Diese Perspektive bietet zwar keine Erklärung für den technischen Erfindungsreichtum des Menschen, aber Autor und Autorin legen eindrucksvoll dar, dass die emotionalen Muster des Erzählens die tiefsten Schichten des Bewusstseins formen.

Wissenschaftler konnten Gehirnbereiche identifizieren, die Erfahrungen in narrative Interpretationsrahmen ein­ordnen. Außerdem belegen Studien, dass Geschichten starke psychische Veränderungen aller Art bewirken. Sie versetzen uns in einen Zustand „kontrollierten Halluzinierens“, in dem unsere Fantasie psychosoziale Krisenstrategien simuliert.

El Ouassil und Karig erklären, wie Gemeinschaften die Macht der politischen und religiösen Großerzählungen verstärken, die unser Selbstbild vor irritierenden Erfahrungen schützen, doch die extrem einseitige Auswahl dieser „Märchen für Erwachsene“ zeigt, dass Autorin und Autor selbst einiges ausblenden, was ihre Weltsicht gefährden könnte. Auf über 200 Seiten nehmen sie rechte Erzählungen der letzten hundert Jahre – Faschismus, Neoliberalismus, US-Imperialismus, Konservatismus – und die fortschrittlichen Gegenerzählungen unter die Lupe. Einiges davon ist lesenswert. So schildern El Ouassil und Karig eindrucksvoll, wie eine „waschechte Seifenoper“ – die TV-Serie Holocaust – und Brandts Kniefall in Warschau die deutsche National­erzählung veränderten.

Gefährliche Erzählungen

Aber das Buch enthält weder Kritik an linken Heilslehren wie dem Kommunismus noch Skepsis gegenüber eigenen Narrativen. Selbst zu ihrer steilen These, das monogame Liebesideal habe Sexismus und Homophobie hervorgebracht, fallen ihnen keine Gegenargumente ein. Sie vergleichen Klimaaktivisten und -aktivistinnen mit den guten Hobbits aus Der Herr der Ringe und sie verunglimpfen Konservative als „Destruktive“.

Ob die Klimabewegung mit einer derart arroganten Erzählung Köpfe und Herzen gewinnen würde? Sie fordern eine strikte „No-Covid-Politik“ ohne Kompromisse und wettern gegen die „angebliche Vernunft, wonach man Gesundheitsschutz und Wirtschaft gegeneinander abwägen müsse“. So spüren El Ouassil und Karig mit großem Eifer gefährliche Erzählungen des politischen Gegners auf.

Wenig Lerneffekte

Verschwörungen heißt eine Vortragssammlung des italienischen Bestsellerautors und Semiotikers Umberto Eco. Das zu wenig strukturierte Büchlein behandelt dunkle und wirre Geheimlehren über die angeblich globale Macht der Templer, Rosenkreuzerinnen, Freimaurer und Jesuiten, imaginäre Kosmologien vergangener Zeiten sowie die okkulten Welteis- und Hohlweltlehren der Nazis. Sie alle sind skurril, aberwitzig und widersprüchlich.

Heute noch relevant sind lediglich die Protokolle der Weisen von Zion sowie 9/11-Verschwörungstheorien. Über die­se weiß aber Wikipedia mehr Interessantes zu berichten als Eco. (Er analysiert die okkulten Welteis- und Hohlweltlehren der Nazis, nicht jedoch Hitlers antisemitischen Hass, der zu dem Holocaust führte.) Umberto Eco triumphiert über die denkbar schwächsten Gegner.

Das Buch bietet keine (effektiven) Strategien, um die Mauern geschlossener Weltbilder zu durchbrechen. (Wir lernen fast nichts über die sozialen Ursachen oder Folgen der Wahnideen.) Eco setzt sich nicht mit dem Problem auseinander, dass der Vorwurf des Verschwörungsdenkens manchmal zu Unrecht erhoben wird, um eine unliebsame Kritik zu unterbinden.

Beide Bücher warnen uns eindringlich davor, die Geschichten, ohne die wir nicht leben können, mit der Realität zu verwechseln. Doch sie zeigen einen Mangel an Selbstzweifel – den sie anderen vorwerfen.

Literatur

Samira El Ouassil, Friedemann Karig: Erzählende Affen. Mythen, Lügen, Utopien. Wie Geschichten unser Leben bestimmen. Ullstein, Berlin 2021, 528 S., € 25,–.

Umberto Eco: Verschwörungen. Eine Suche nach Mustern. Aus dem Italienischen von Martina Kempter und Burkhart Kroeber. ­Hanser, München 2021, 128 S., € 12,–.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 6/2022: Die Zeit, als alles neu war
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