Demut tut gut

​Was wirkt in einer Psychotherapie? Das eruieren ein Psychoanalytiker und eine Verhaltenstherapeutin in einem leicht zu lesenden Büchlein.

Demut tut gut

Erfrischend undogmatisch kommt dieses Buch daher, und das in der Psychotherapie, einer Zunft, in der sich hartnäckig Dogmen halten. Ungewöhnlich ist auch die Form: Das Buch dokumentiert ein Gespräch zweier Psychotherapieforscher, des Psychoanalytikers Bernhard Strauß und der Verhaltenstherapeutin Ulrike Willutzki, das von Uwe Britten moderiert wird.

Es geht in dem Buch um die wichtigen Themen der Psychotherapieforschung: die Bedeutung therapeutischer Theorien wie der Psychoanalyse und der Verhaltenstherapie, Modellvorstellungen dazu, wie Psychotherapie wirkt, die Frage, wie man ihre Wirkung misst und welche Wirkfaktoren sich empirisch belegen lassen, und schließlich, warum sich Psychotherapeuten eine bestimmte Therapiemethode aussuchen.Dabei bürsten die Diskutanten das Feld teilweise munter gegen den Strich.

Individualisierte Therapie statt verfeindete Lager 

Verhaltenstherapeuten, die ihre Arbeit als struk­turierte Anwendung definierbarer Methoden verstehen, bekommen von Willutzki zu hören, Psychotherapie könne man nicht als Anwendung von Methoden verstehen, sondern Methoden seien nur Handlungsmöglichkeiten, um etwas bei einer Person in Bewegung zu bringen. Und Psychoanalytiker, die immer noch glauben, Psychoanalyse helfe langfristig mehr als andere Methoden, lässt Strauß wissen, dass sich das nicht belegen lasse. Und beide geben einem anderen, nämlich Carl Rogers und seiner klien­tenzentrierten Psychotherapie, einen gebührenden Platz in der Geschichte der Psychotherapie.

Die Mauern zwischen den vielfach verfeindeten Lagern Verhaltenstherapie und Psychoanalyse fallen in diesem Gespräch, der methodische Eklektizismus erhält Zu­spruch. Aber nicht im Sinne eines kunterbunten Anwendens verschiedener Techniken, sondern im Sinne einer individualisierten Therapie, die auf den je besonderen Patienten mit seinen je besonderen Problemen zugeschnitten ist – und die auch die Persönlichkeit des Therapeuten, seine Möglichkeiten und seine Grenzen berücksichtigt. Gegen Ende des Gesprächs sagt Strauß, gute Therapeuten seien diejenigen, die trotz langer Erfahrung demütig blieben und Selbstzweifel zuließen.

Begegnung zwischen zwei Subjekten

Beide Psychotherapeuten geben zu bedenken, dass neben der Erfolgsforschung eine Misserfolgsforschung fehle, die fragt: Wann wirkt bei wem und durch wen welche Therapie warum nicht? Vielen Therapeuten mangele es an Bewusstsein für eigene Fehler. Die gute Nachricht ist nach wie vor: Psychotherapie wirkt in den meisten Fällen. Sie ist eine Begegnung zwischen zwei Sub­jekten und muss nicht nur auf den Patienten zugeschnitten werden. Auch Therapeuten kön­nen nur mit dem arbeiten, was zu ihnen passt. So suchen sie sich ihre Methoden aus – be­wusst oder auch zufällig.

Das erör­tern die beiden Gesprächspartner gegen Ende dieses sich angenehm leicht lesenden Büch­leins. Eine große Rolle bei der Wahl der Therapierichtung spiele die Sozialisation. Und hier würden die angehenden Therapeuten an den Universitäten fast nur noch auf die Verhaltenstherapie und gegen die Psychoanalyse gepolt. Doch Strauß hält fest: „Die Konkurrenz ist völlig übertrieben.“

­Bernhard Strauß und ­Ulrike Willutzki im Gespräch mit Uwe Britten (Hg.): Was wirkt in der Psychotherapie? Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018, 124 S., € 18,–

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