Suchtrisiko Emanzipation

Wohlhabende und gebildete Frauen trinken immer mehr Alkohol. Einem Suchtforscher zufolge hat diese Entwicklung auch mit der Emanzipation zu tun. ​

Illustration zeigt eine Frau, die ein Glas mit Alkohol hält.
In emanzipierten Gesellschaften nimmt der Alkoholkonsum von Frauen zu. © Dorothea Pluta

Noch vor einigen Jahren dachte man bei Alkoholmissbrauch an männliche Stammgäste in einer Eckkneipe, Arbeiter auf dem Bau oder obdachlose Menschen. Stimmt das Bild noch?

Nein. Die Alkoholkrankheit oder die Alkoholgebrauchsstörungen, wie sie die WHO jetzt nennt, zeigt sich weit vielfältiger. Was die Männer angeht: Sie sind tatsächlich stärker betroffen – noch. Aber unsere Statistiken belegen, dass die Frauen aufholen. Die Schere zwischen Frauen und Männern geht deutlich geringer auseinander als noch vor 20 Jahren. Aber noch einmal zurück zu Ihren Bildern, die nicht stimmen. Erstens gehen viele Menschen mit einem problematischen Alkoholkonsum gar nicht in Kneipen, sie trinken nur zu Hause. Zweitens ist Alkoholmissbrauch keine Sache, die vorrangig Menschen betrifft, die ohne Wohnsitz sind oder aus der Arbeiterschicht kommen. Im Gegenteil.

Wie komme ich darauf, dass arme Menschen mehr trinken?

Das ist ein Vorurteil. Es liegt wohl unter anderem daran, dass sie praktisch vor unser aller Augen trinken müssen. Dagegen bekommen wir in das Trinkverhalten der Wohlhabenden kaum Einblicke. Dort wird eher nichtöffentlich getrunken.

Die Alkoholkrankheit geht durch alle Schichten?

Inzwischen ja. Wie bei vielen anderen Suchtmitteln findet auch beim Alkohol eine Verschiebung von oben nach unten und von den Männern zu den Frauen statt. So war es auch beim Rauchen: Zuerst war es ein Privileg für die Könige. Später durfte der männliche Adel rauchen, dann der weibliche Adel, schließlich das Bürgertum und als letzte Schicht auch die der Arbeiter. Ganz am Schluss rauchten auch die arbeitenden Frauen.

Beim Alkohol sehen wir eine ähnliche Entwicklung. Der Alkoholkonsum begann in den reichen Ländern in der Oberschicht, über sie sickerte er langsam in die Mittelschicht – und erreichte allmählich auch die unteren sozioökonomischen Milieus. Bis heute gilt aber weltweit: Der Anteil der...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Räume der Seele: Psychologie Heute 12/2019
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