Depression neu denken

Thorsten Padberg stellt Depressionsdiagnosen auf den Prüfstand und wirbt für eine ressourcenorientierte Sichtweise.

Die Depression muss man als Volkskrankheit unserer Zeit bezeichnen: Im Verlauf ihres Lebens erkranken 26 Prozent aller Frauen und 12 Prozent aller Männer an ihr. Dies sollte zur Folge haben, dass Forschungsmittel reichlich fließen, um auch den volkswirtschaftlichen Schaden dieser Krankheit zu verringern. Und da die Haupthypothese, die uns nun seit Jahrzehnten nahegebracht wird, von einem Problem der Botenstoffe im Gehirn erzählt, sollte dieser Mangel durch eine Weiterentwicklung von Antidepressiva behebbar sein… Dieser landläufig kaum problematisierten These stellt nun der Berliner Depressionsexperte und Psychotherapeut Thorsten Padberg ein Buch entgegen, das ein Umdenken in unseren Modellbildungen und auch in den Behandlungskonzepten fordert.

Seine Ausgangsfrage fokussiert auf die Diskrepanz zwischen den Milliarden eingesetzter Forschungsmittel, dem gleichzeitig rasanten Anstieg der Verschreibung von Antidepressiva in den vergangenen 20 Jahren (vor allem in den Hausarztpraxen) und der trotzdem nahezu gleich gebliebenen Anzahl von Erkrankten.

Diesem Rätsel geht Padberg in seinem verständlich geschriebenen Buch Die Depressions-Falle nach. Dabei lässt er prominente Wissenschaftsvertreter und -vertreterinnen aus vielen Fachbereichen in selbst geführten Interviews zu Wort kommen und nimmt die Leser und Leserinnen mit auf eine spannende Erkundungsreise in seine Überlegungen, die sich aus neuen (aber auch älteren, leider wenig beachteten) Forschungsergebnissen ableiten lassen.

Padbergs These ist, dass wir mit der Depression einen relativ neuen Sammelbegriff für verschiedene psychische Zustände kreiert haben, diesen losgelöst haben von Faktoren unseres sozialen Kontextes und nun postulieren, dass eine Fehlfunktion im Gehirn (Serotonin) ursächlich die Krankheit auslöse.

Patientinnen freuen sich, dass Depression ein körperlicher Stoffwechseldefekt ist, Behandler freuen sich, Medikamente zu verabreichen, die diesen Mangel kompensieren, und eine Industrie freut sich, wie gut sich die Medika­mente verkaufen, obwohl seit Jahren keine weitere Forschung mehr betrieben wird.

Das Problem: Weder wurde die Serotoninhypothese auch nur annähernd bestätigt, noch können Antidepressiva einen klinisch relevanten Unterschied zu der Gabe von Placebos nachweisen. Dieser Kreislauf wird durch immer breitere Informationen zur Gefährlichkeit der Erkrankung in Medien und der Öffentlichkeit insofern unterstützt, als eine stärkere Beobachtung möglicher früher Symptome stattfindet, diese in den Praxen präsentiert werden und dadurch der Verschreibungszyklus angefeuert wird.

Padberg verdeutlicht eindrücklich, wie unsere individualisierte neurophysiologische oder auch genetische Betrachtung Lebensumstände, Armut und Teilhabe unbeachtet lässt. Mit einer Zahlung von 17 Euro zusätzlich im Monat an die Ärmsten in brasilianischen Slums, die an Bedingungen wie beispielsweise den Schulbesuch der Kinder geknüpft war, konnte in einer breitangelegten Studie die Suizidrate um 61 Prozent gesenkt werden.

Selbstverwirklichung und -optimierung, wie sie häufig in psychotherapeutischen Kontexten praktiziert werden, blenden die Bedingungen der sozialen Realität aus und lassen Menschen, die in unserem System nicht mehr mithalten können, keine andere Wahl, als die Lösung in Resilienz und Selbstwirksamkeit zu suchen. Die im Buch zitierte Geschichte von Milton Erickson von der alten Dame mit den Usambaraveilchen beleuchtet demgegenüber sehr anschaulich die heilsame Wirkung eines sozialen Netzwerks und die Notwendigkeit einer ressourcenorientierten Sichtweise.

In ihren Ursprüngen war die Verhaltenstherapie einmal weitaus weniger diagnose- als problemorientiert. Mit der Aufnahme in das medizinische Ver­sorgungssystem geriet diese Perspektive jedoch zunehmend in Vergessenheit, zugunsten immer verfeinerterer Diagnostik. Der Autor knüpft an das problemorientierte und individuelle Vorgehen in der Verhaltenstherapie an und macht dies in sehr einfühlsamen Fallschilderungen deutlich und nachvollziehbar. Dabei therapiert er keine „Diagnose“, sondern Menschen mit ihren individuellen und sozialen Kontexten.

Padbergs überzeugendes, nie vereinfachendes und mit vielen therapeutischen Fallgeschichten ausgestattetes Buch macht deutlich, dass wir die Kategorie Depression, ihre Behandlung und unsere individualisierte Sichtweise gründlich auf den Prüfstand stellen müssen. 

Thorsten Padberg: Die Depressions-Falle. Wie wir Menschen für krank erklären, statt ihnen zu helfen. S. Fischer, Frankfurt a.M. 2021, 271 S., € 23,–

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