Risse und Licht

Wie kann Psychotherapie als Profession uns in diesen Zeiten Hoffnung geben? Ein Kongress fand Möglichkeiten – und wurde zum Spiegel der Geschichte.

Photo taken in Rijswijk, Netherlands © Till Schmitz / EyeEm/Getty Images

Wer sich an diesem Tag um kurz vor elf Uhr in den Livestream des Kongresses einschaltete, dem bot sich ein Bild, das mit Hoffnung wenig zu tun hatte. Im Programm der Tagung der European Association of Psychotherapy (EAP) war ein Vortrag von Sue Daniel angekündigt, Psychodrama-Expertin aus Melbourne. Und ebendiese Sue trug keine ausgefeilten Sätze aus einem Manuskript vor, sondern erklärte mit ernster Miene, wie traurig und alarmiert sie angesichts der aktuellen Nachricht sei.

Sie bat die Anwesenden zu sich auf die Bühne, leitete sie an zu atmen, sich zu spüren, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und zu formulieren. Dann bildeten sie diesen Gefühlen folgend gemeinsam eine „Skulptur“ aus ihren Körpern. Schock, Trauer, Wut, Ohnmacht. Und schließlich: Hoffnung. Es wurde geweint in der folgenden Stunde auf dieser Bühne, Ängste gezeigt und gelöst, getröstet und umarmt; einander gehalten – Psychodrama live.

Unsicherheit und Verwirrung

Es war ein besonderer Kongress, den die EAP am vergangenen Wochenende in Wien abhielt. „The Hope of Psychotherapy for Our Endangered World“ – dieses große Thema hatte man schon Monate vorher gewählt, nicht ahnend, dass neben allen Krisen, die die Welt derzeit beschäftigen, noch ein Krieg in Europa dazukommen sollte, und mit ihm das konstante Gefühl der Bedrohung.

Wegen der Pandemie fand die zweitägige Veranstaltung, mit der das 30-jährige Jubiläum des Verbandes gefeiert werden sollte, nur virtuell statt, mehr als 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren zeitweise zugeschaltet. Der Intensität der Gefühle tat das keinen Abbruch. Die Spannung war von Beginn an spürbar hoch und nahm im Verlauf weiter zu. Denn wer über Hoffnung spricht, spricht auch immer über Verzweiflung – auch wenn am Ende Zuversicht stehen kann.

Der Schrecken, den Sue Daniel ins Zentrum ihrer Live-Session gestellt hatte, stellte sich später zwar als Falschmeldung heraus – es gab doch keine offizielle Ankündigung Russlands, nach der Ukraine in Litauen einmarschieren zu wollen. Doch diese Verwicklung bewirkte nur, dass alle sich ihrer Unsicherheit und Ängste noch bewusster wurden, anstatt tiefer über Fake News oder Verantwortlichkeiten für die Verwirrung zu diskutieren. 

Fühlen und verarbeiten

Im Psychodrama sei eines der wichtigsten Dinge, „im Moment zu sein“, hatte Sue Daniel zu Beginn ihrer Übung erklärt – und damit auch schon einen Hinweis geliefert zum Umgang mit derlei Krisen. Das Erleben eines solchen Moments, mit allen Gedanken und Gefühlen, die er mit sich bringt, kann überwältigend sein, aber es ist notwendig, dem nachzuspüren, so eine der therapeutischen Botschaften des Kongresses: Wahrnehmen statt Einordnen, Fühlen statt Verdrängen – um dann verarbeiten zu können.

Schon in der Ankündigung hatte EAP-Präsidentin Patricia Hunt die Veranstaltung als offene Suche deklariert. „Wie können wir der Menschheit eine therapeutische Antwort bieten angesichts der Bedrohungen gegen uns und unseren gefährdeten Planeten?“, lautete die Kernfrage. Die Antwort darauf wisse man nicht – noch nicht, so Hunt.

Der Kongress sei dafür da, sie zu finden, indem man dort gemeinsam tue, was Psychotherapeutinnen und -therapeuten am besten könnten: „to sit with the greatest problems facing humankind“, also die größten Probleme der Menschheit achtsam zu betrachten, und „einander zuzuhören, zu sprechen, sich zu erkennen; sich selbst zu erlauben, im Bereich des Unwissens zu sein, um Erkenntnis, Einsicht und Hoffnung entstehen zu lassen“.

Rausgehen und erleben

Vieles, was man von dieser Veranstaltung mitnehmen kann, sind Ratschläge impliziter Natur, neben allem, was explizit vorgetragen wurde. Wenn Psychotherapeutinnen über Probleme und Gefühle, die Weltlage und den Einfluss ihrer Profession diskutieren, teilt sich vieles, was sie gelernt haben und täglich mit ihren Patientinnen und Patienten praktizieren, zwischen den Zeilen mit. Eigene Erfahrungen sind dabei oft der Ausgangspunkt, um Allgemeines abzuleiten; viele der Referentinnen berichten von eigenen Krisen, Übergängen und Unsicherheiten, im Großen und im Kleinen.

So erzählt eben auch Sue Daniel von ihrem eigenen, lohnenden Wagnis: Statt zu Hause in ihrem „Cockpit“ in Melbourne zu bleiben, wie sie ihr Büro nennt, von dem aus sie sonst ihre Zoom-Sessions mit Klientinnen macht, sei sie hinausgegangen in die Welt, zu diesem Kongress nach Wien, ohne zu wissen, was sie dort erwarten würde.

„Man kann ins Ungewisse schreiten – oder ich kann zu Hause bleiben in Australien in meiner Höhle und nichts tun“, so Daniel. So sei das Leben nun mal: ungewiss. Und es sei wundervoll, sich herauszuwagen, auch Dinge auszusprechen, egal ob man verärgert ist oder etwas nicht mag. „Stille tötet“, sagte Daniel. Und: „We can be more real.“

Austausch und Beschäftigung

Echter zu sein, wahrhaftiger zu sein, bei sich zu bleiben und sich zu zeigen, das ist ein Thema, das viele Patienten in Psychotherapien umtreibt. Auf dem Kongress ist es eine der Kernbotschaften, die immer wieder auftauchen und teils auch von den Referentinnen selbst verkörpert werden. So berichtet etwa Irvin D. Yalom, der in einem vorab aufgezeichneten Interview zu sehen war, von der großen Einsamkeit, die er empfindet, seit seine Frau 2019 verstorben ist.

„Ich kann mir nicht vorstellen, lange ohne sie zu leben“, so der US-amerikanische Psychotherapeut und Schriftsteller. Mit ihr habe er den Großteil seines Lebens verbracht, mit ihr sei er so eng verbunden gewesen. Doch auch von seinen Freunden sei keiner mehr da. Ihm fehle die Verbindung und Nähe, sagte der 90-Jährige. Zwar habe er vier Kinder, die ihm nahe seien, „doch auch mit Kindern gibt es Dinge, die man nicht sagt, nicht sieht“.

Sein Rat an die Kolleginnen auf dem Kongress ist, immer wieder selbst in Psychotherapie zu gehen, wann immer es nötig sei – so wie er selbst es jüngst einmal mehr getan hat, um den Verlust seiner Frau zu bewältigen. Doch auch als Psychotherapeut, auf der anderen Seite, freue er sich jeden Tag auf die Patienten, die er noch sieht, erwarte ihr Feedback später, um sich auch in diesem Alter noch zu verbessern, Neues zu lernen.

Er fühle sich gut, weil er ihnen etwas geben kann – „aber mir geben sie auch etwas“: die Möglichkeit, geben zu können, zurück in seiner Rolle als Psychotherapeut zu sein. Und es sei immer wieder das Schreiben, das ihn motiviere, dass ihn schon sein Leben lang begleitee. „Ich wäre nicht sehr glücklich, wenn ich kein Schreibprojekt vor mir hätte“, sagte Yalom. Das beruhige ihn und darauf freue er sich jeden Tag.

Bewusstsein statt Schlafzustand

Einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen, Pläne schmieden, an Ritualen festhalten – auch das sind Tipps, die die Psychotherapie geben kann, wenn es um Halt in fragilen Zeiten geht. EAP-Präsidentin Patricia Hunt, Psychoanalytikerin und (Politik-)Beraterin aus London, empfahl zudem, auf sich selbst zu achten und „seine Menschlichkeit“ zu spüren. So könne man sich besser mit anderen verbinden, sei offener zur Welt und zu den Menschen. Essenziell dafür wäre, sich Zeit zum Zurückziehen zu nehmen, auf seine eigenen Gedanken und Gefühle zu achten und seine Bedürfnisse zu erfüllen, um dann fähig zu sein, sich wieder einzubringen.

Um die Denkweise der Menschheit zu ergründen, müssten wir erst herausfinden, welche Rolle unser Ich in dieser sich entfaltenden Tragödie spiele, so Hunt. Die Aufgabe von Psychotherapeutinnen sei es, den Menschen das Es ins Bewusstsein zu bringen, so wie sie es auch in individuellen Therapien tun würden. „Bewusstsein schaffen statt durchzuschlafen, das Es nicht im Unbewussten bleiben lassen." Dadurch würden wir neue Wege finden, uns an die Situation anzupassen, wachsen, „anstatt zerstört zu werden“, sagte Hunt.

Sinn schafft Verbindung

Emmy van Deurzen, Expertin für Existenzielle Psychotherapie aus den Niederlanden, sprach in ihrem Beitrag darüber, wie wichtig es ist, den Dingen Sinn zu verleihen, egal, was uns passiert. Darüber fänden wir auch Verbindungen zu anderen: „Sinnlosigkeit bedeutet Getrenntheit“, so van Deurzen. Eine Krise löse ein „Vakuum an Sinn“ aus. Dagegen helfe, Vertrauen in sich selbst, seine Prinzipien und Integrität zu schaffen, zu dem zu stehen, was man getan hat und stolz darauf zu sein.

Zum Leben gehöre eben auch, Schlimmes zu erfahren, und sich bewusst zu werden, wie begrenzt und endlich es ist, sagt van Deurzen, die diese Erfahrung schon als Mädchen machte, als sie nach einem Unfall für längere Zeit in die Klinik musste. Um diese Grenzen zu wissen und sich zu erlauben, seine Angst davor zu spüren, und gleichzeitig die positiven Seiten zu sehen, ermögliche uns, darüber auch zu reden und neue Wege zu finden, unsere Probleme zu lösen.

Risse und Licht

Die Paar- und Familientherapeutin Kyriaki Polychroni aus Kanada und Griechenland knüpfte an dieses Thema an, indem sie noch einmal feststellte, was die Aufgabe von Psychotherapeutinnen ist. Sie wären nicht da, um „das Unlösbare zu lösen“, sondern um ihre Klienten „gelassen zu halten und zu begleiten, während sie diese nicht reparierbaren Aspekte ihres Lebens durchleben und daran möglicherweise wachsen“.

Poloychroni verwies dabei auf Leonard Cohen, den sie mit dem Titel ihres Vortrags zitierte: „There is a crack a crack in everything. And that's how the light gets in.“ Ihr Job und der ihrer Kollegen sei es, den Patientinnen empathisch zu helfen, ihre „Risse“ zu erkennen und sie zu benutzen als Mittel, Licht und Hoffnung in ihr Leben zu bringen.

Dass Psychotherapeutinnen und -therapeuten zuallererst auch nur Menschen sind, aber solche, die auch wegen ihres Berufes oftmals weniger Angst haben, ihre Verletzlichkeit zu zeigen, bewies die Therapeutin am Ende ihres Vortrags. Vor allem wegen ihres verstorbenen Mannes und ihrer Beziehung behalte sie weiter die Hoffnung der Psychotherapie für die gefährdete Welt, sagte Polychroni – und gab sich dabei keine Mühe, ihre Tränen zu verbergen.

Nur Menschen

„Sehr berührend und bereichernd“ sei der Kongress gewesen, sagte ein Teilnehmer am Ende der Veranstaltung im Chat, der parallel zum Videostream viel genutzt worden war: „höchst therapeutisch und notwendig“. Immer wieder waren während der zwei Tage neben Solidaritätsbekundungen mit der Ukraine auch Fragen und Bemerkungen zum Umgang mit den russischen Kollegen aufgekommen. Es ging um den möglichen Ausschluss von der Veranstaltung, aus dem Verband, und um die Frage, wie sich Psychotherapeutinnen dieser Tage verhalten sollten.

Sollten wir nicht verbinden statt zu spalten? Das war eine Grundfrage, die in Varianten immer wieder auftauchte. Eine Antwort, wie das aussehen kann, konnte zumindest teilweise Renos Papadopoulos mit seinem Vortrag liefern. Der Psychotherapeut und Professor an der University of Essex, Spezialist mit langjähriger Erfahrung in der Arbeit mit Geflüchteten, sprach unter anderem über die Schwierigkeiten, Menschen als „gute“ Opfer oder „schlechte“ Täter zu behandeln.

Das bedeute eine Festlegung in beide Richtungen und wirke fixierend, so Papadopoulos. Menschen, die wir zu sehr als Opfer behandelten, empfänden aufgrund einer „Opfer-Identität“ weniger Verantwortung für sein eigenen Handeln, das fördere Passivität und nicht angemessene Abhängigkeit. Andere, die wir aufgrund ihrer Taten als „schlecht“ bezeichnen und dehumanisierten, verharrten dadurch in ihrem Verhalten.

„Ihnen tun wir damit an, was sie den Menschen angetan haben, die sie missbraucht haben“, sagte Papadopoulos. Auch deshalb sei es so wichtig, sich seiner eigenen Begrenztheit gegenüber der Macht zerstörerischer Realitäten bewusst zu werden, „nicht nur um uns herum, sondern auch in uns selbst und zwischen uns“. Wir müssten uns trauen, Komplexität zu sehen und anzuerkennen, anstatt zu vereinfachen und zu polarisieren.

Veränderung und Anpassung

All das ist etwas, das mit Hilfe von Psychotherapie leichter gelingen kann, so das Selbstverständnis einer Profession, deren Expertise darin besteht, „Verbindungen zu weben, Bedeutung zu geben und Kommunikationsprozesse zu erleichtern“, wie EAP-Präsidentin Patricia Hunt es in der Ankündigung des Kongresses beschrieben hatte. Das Ziel: „Individuen, Paare, Familien, Kinder und Gruppen zu unterstützen und zu revitalisieren, wenn sie sich persönlichen Krisen und Bedrohungen stellen.“

Dass Psychotherapie abseits davon das Potential hat, auch gesamtgesellschaftlich Hoffnung zu vermitteln, klingt nach einer Aussage von Tom Warnecke, der als Gestalttherapeut in London praktiziert, mehr als einleuchtend. „Bei Psychotherapie geht es nur um Veränderung“, sagte er in seinem Vortrag auf dem Kongress. Das sei ihr Wesen und Ziel: „Andere zu befähigen, loszulassen und ein lebenswerteres Leben zu leben, besser zu funktionieren und das zu beherrschen, was sie in die Therapie gebracht hat.“

Wie könnte diese Profession da nicht etwas beitragen zu unser aller Wohlbefinden in diesen Zeiten stetigen Wandels?

Über die EAP

Die European Association of Psychotherapy (EAP) mit Sitz in Wien ist eine europäische Vereinigung, der nach eigenen Angaben 120.000 Psychotherapeutinnen und -therapeuten unterschiedlichster Richtungen sowie 128 Psychotherapie-Organisationen aus 41 Ländern angehören. Sie wurde 1991 gegründet, um Psychotherapie in Europa zu unterstützen und zu fördern. Seit 1996 veröffentlicht die EAP dreimal im Jahr das peer-reviewed International Journal of Psychotherapy.

Für einen Eklat sorgte am Rande des Jubiläumskongresses die Erklärung des Präsidenten des Ukraininischen Dachverbands für Psychotherapie, der im Videostream live verkündete, dass er nicht länger an der Veranstaltung teilnehmen könne, da über seinen Antrag, Russland als Mitglied aus dem Verband auszuschließen, in der Vorstandssitzung undemokratisch abgestimmt worden und der Antrag unrechtmäßig abgelehnt worden sei. Das sei eine nicht hinnehmbare Verletzung europäischer Normen. Eine Anschuldigung, die ein Präsidiumsmitglied anschließend nicht entkräftete, aber ankündigte, man hoffe, „bald“ erneut über diese Forderung zu entscheiden.

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