Vom Geben und Nehmen

Ist ein Geben und Nehmen auch immer direkt fair? Es wird unterschiedlich bewertet, ob zwei oder mehrere Parteien involviert sind.

Ich bin freundlich zu dir und leihe dir Geld, also bist du es auch zu mir – so weit, so einfach. Dieses in den Sozialwissenschaften „reziprok“ genannte Verhalten gilt als fair. Aber nur so lange, wie nicht mehr als zwei Personen involviert sind. Psychologen stellten jetzt in sieben Studien fest: Ist eine größere Anzahl von Personen beteiligt – wie bei einer Entscheidung eines Parlaments, am Arbeitsplatz, in Familien –, steht bei der Bewertung von Fairness eher die angemessene Verteilung der Ressourcen im Vordergrund.

Die Psychologen ließen die Teilnehmer Szenarien beurteilen, in denen jemand einen Gefallen erwiderte und mehreren Personen mehr oder weniger Ressourcen zuteilte. Oder die Probanden gaben an, ob sie politische Entscheidungen über Zuschüsse gerecht fanden oder ob es fair sei, wenn sich zwei Kollegen eines Teams gegenseitig einen Gefallen tun. In einem Entscheidungsspiel im Labor sollten die Teilnehmer einschätzen, ob andere Personen Ressourcen fair verteilten. Die Forscher untersuchten dabei, in welchen Fällen die Probanden von Begünstigung ausgingen und wie das ihr Urteil beeinflusste.

Bei vielen Beteiligten beurteilten die Studienteilnehmer stets eine gleichmäßige Verteilung von Ressourcen als fairer und vermuteten bei dieser Konstellation, dass wechselseitiges Geben und Nehmen mit Bevorzugung einhergehe. Negative Reziprozität, also eine Art Rache beurteilten die Probanden dagegen nicht als unfair – auch wenn sie Ungleichheit für andere zur Folge hatte.

Fairness und Reziprozität können also im Konflikt zueinander stehen. So ist Fairness eine anziehende Eigenschaft, wenn es darum geht, Freunde oder Partner in der Arbeitswelt zu finden. Aber wenn Partner eine Allianz bilden und sich dann gegenseitig bevorzugen, könnten andere darin Begünstigung sehen. Wer jedoch als Freund oder Partner niemals für den anderen Partei nimmt und stets neutral bleibt, gilt nicht unbedingt als ein guter Freund. 

Alex Shaw u.a.: When and why people evaluate negative reciprocity as more fair than positive reciprocity. Cognitive Science, 2019. DOI: 10.1111/cogs.12773

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 1/2020: Bilder der Kindheit
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