Vom Schließen und Öffnen der Ohren

Hämmern, Rattern, Schreien: Die einen blenden Geräusche mühelos aus, die anderen machen sie wahnsinnig. Bei Andreas Maier war es mal so, mal so.

Der Schriftsteller Andreas Maier steht am Fenster und schaut auf das Hochhaus in der Nachbarschaft, aus dem er die Klimaanlage hören kann
Es gibt zweierlei Umgang mit menschengemachten Geräuschen: Die einen scheinen sie mühelos auszublenden, die anderen treibt der Krach zur Verzweiflung. © Andreas Reeg

Als Neugeborenes bin ich zunächst in einem Einerlei mit der Welt aufgewachsen, ungeschieden. Ich war mit dem Bild, das ich sah und in dem ich noch wenig bis gar nichts singularisierte (ab wann konnte ich etwa Enten am Teich erkennen?), identisch, stelle ich mir vor. Ich kann mir die damalige Welt nicht anders ausmalen als eine farbige Fläche, die ins Diffus-Einheitliche neigte und die mir nicht als Objekt gegenüberstand, sondern in der ich aufging.

Lange habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, wie es mit den Geräuschen gewesen sein mag. Meine ersten Erinnerungen haben mit Lauten nichts zu tun, auch wenn ich die Stimme meiner Urgroßmutter, die mich meistens bei sich hatte, oder meiner Mutter und der anderen natürlich gehört und mit Sicherheit auch darauf reagiert haben muss. Vielmehr sind meine ersten Erinnerungen rein optischer Natur, nämlich eben die Enten im Bad Nauheimer Kurpark. Und Herbstlaub.

Fest eingebrannt haben sich zwei gleichbleibende Geräusche, die einfach und gut wiedererkennbar waren und sich über Jahre nie änderten. Beide waren angenehm und beruhigend, und mit beiden verbinde ich das Haus meiner Großmutter in Bad Nauheim. Zum einen handelte es sich um das Gurren von Tauben (ich liege und das Fenster ist geöffnet), zum anderen um die Glocken der nahegelegenen Dankeskirche. Was ich im Haus meiner Großmutter niemals wahrnahm, waren die Autos, die am Haus vorbeifuhren. Vor dem Haus ist ein Gully in die Straße eingelassen. Als ich das Haus drei Jahrzehnte später selbst bewohnte, hörte ich nicht nur jedes Auto, sondern auch bei jedem Auto ein zwiefaches Kla-Klack des Gullydeckels, wenn der Wagen über ihn hinwegfuhr, zuerst mit dem Vorder- und dann mit dem Hinterrad. Aber bis dahin, vom Neugeborenen und Kleinkind bis zu dem Erwachsenen Anfang, Mitte dreißig, ist noch ein langer Weg.

Ihr Atmen

An eine dritte Geräuschwahrnehmung kann ich mich ebenfalls bewusst erinnern, aber diese war ganz anderer Natur. Wir waren damals neu in das von meinen Eltern gebaute Haus eingezogen, in Friedberg in der Wetterau, am Rand eines kleinen Flusses, der Usa. Ich war nun drei...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 2/2021: Raus aus alten Mustern
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