„Es gibt Opfer. Und Täter“

​Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen und Psychologe Friedemann Schulz von Thun sprechen darüber, ob Schuld im systemischen Denken relativiert wird.

Teufelskreise, Macht und Ohnmacht – nur einige der zentralen Themen in einer Partnerschaft. © Witthaya Prasongsin/Getty Images

Bernhard PÖRKSEN Es ist ein Standardbeispiel, eine Schlüsselgeschichte der systemischen Therapie. Wir sehen: einen Mann und eine Frau, die sich im Zimmer des Therapeuten eingefunden haben. Und beide beklagen sich, kaum hat die Sitzung begonnen, bitterlich – nur über das verletzende und bösartige Verhalten des anderen. Der Mann sagt, dass ihn seine Frau fortwährend kritisiert und er sich eben deshalb von ihr zurückzieht, um den Härten ihrer Kritik zu entgehen, den Schmerz noch erträglich zu halten. Die Frau hingegen wird wütend und berichtet, dass sie ihn nur kritisiert, weil er sich immer mehr zurückzieht und sich dem Gespräch mit ihr verweigert. Was ist hier eigentlich los?

Friedemann SCHULZ VON THUN Es ist ein Teufelskreis, der sich hier zeigt, eine kreisförmige Kommunikation, ohne erkennbaren Anfang und ohne absehbares Ende. Beide machen sich in dieser Verstrickung wechselseitig das Leben schwer – und sie erleben sich selbst jeweils als den Reagierenden, den anderen aber als den Täter, den Urheber.

PÖRKSEN Und jeder sieht sich als Opfer in dieser Endlosschleife der wechselseitigen Attacken.

SCHULZ VON THUN Ja, beide interpunktieren, wie die Systemiker sagen würden, die Ereignisfolgen unterschiedlich: Beide interpretieren das eigene Verhalten als Reaktion auf das Verhalten des anderen. Er sagt und empfindet: Meine Rückzugstendenz entsteht ja nur aufgrund deiner Übellaunigkeit! Und sie sagt und empfindet: Meine Übellaunigkeit entsteht ja erst aus deiner Rückzüglichkeit. Und beide empfinden: Ich bin sonst nicht so, aber hier kann ich nicht anders als.

PÖRKSEN Ein solcher Teufelskreis ist ja nicht nur ein Modell zur Analyse von Paarproblemen, sondern Ausdruck des systemischen Denkstils, der eine Beziehungszirkularität offenbart: A erzeugt B, und B erzeugt A. Was sind – allgemein gefragt – die Folgen, wenn man die Beziehungen von Menschen…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Mut zur Veränderung: Psychologie Heute 10/2014
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