Nur geträumt

Wir alle träumen, auch wenn wir uns oft nicht daran erinnern. Welche Funktion die nächtlichen Bilder haben, ist umstritten.

Foto zeigt eine Frau auf einem weißen Engelsflügel, die träumt.
In einer anderen Welt: Was wir im Traum erleben, ist und bleibt ein Rätsel. © plainpicture/Raina Anderson

Am Ostersonntag des Jahres 1920 durchlebte Otto Loewi in den frühen Morgenstunden einen Traum, der später zu einiger Berühmtheit gelangen sollte. „Ich erwachte, schaltete das Licht an und kritzelte einige Notizen auf ein kleines Stück dünnes Papier“, erinnerte er sich Jahre später. „Dann schlief ich wieder ein. Am nächsten Morgen um sechs Uhr fiel mir ein, dass ich in der Nacht etwas höchst Wichtiges niedergeschrieben hatte, aber ich konnte das Gekrakel nicht entziffern.“ Loewi hatte Glück – in der folgenden Nacht träumte er wieder. Er sah einen Versuchsaufbau vor sich, mit dem er eine Hypothese zur Funktionsweise der Nervenzellen überprüfen konnte. „Ich stand sofort auf, ging ins Labor und führte ein simples Experiment an einem Froschherzen durch, gemäß der nächtlichen Eingebung.“

Otto Loewis Laborversuch morgens um drei Uhr führte zur Entdeckung der Neurotransmitter; ihm gelang damals der Nachweis, dass Nervenimpulse nicht rein elektrisch übertragen werden, sondern dass dabei auch chemische Mechanismen eine Rolle spielen. Der Forscher erhielt dafür 1936 zusammen mit seinem Kollegen Henry Dale den Nobelpreis für Medizin. Er ist nicht der Einzige, der einer nächtlichen Vision eine weitreichende wissenschaftliche Erkenntnis verdankt: Der Chemiker August Kekulé soll im Halbschlaf die Schlüsselidee zum Aufbau des Benzolrings gehabt haben. Auch der deutsche Wirtschaftsnobelpreisträger Reinhard Selten hat einmal gesagt, ihm sei ein wichtiger Gedanke zur Entwicklung der Spieltheorie im Traum gekommen.

Ein Strom wirrer Bilder

Warum träumen wir? Wieso produziert unser Gehirn einen Strom bunter (und oft auch ziemlich wirrer) Bilder, während wir ruhen? Schon die griechischen Philosophen haben sich über diese Frage Gedanken gemacht. Platon interpretierte die nächtlichen Fantasien als Nachrichten der Götter. Aristoteles sah die Sache nüchterner; aus seiner Sicht sind Träume eine Art Nachhall der Sinne, die sich im Schlaf erholen. Mit der Theorie einer göttlichen Botschaft hatte er nichts am Hut. Stattdessen sei ihr Inhalt Ausdruck dessen, was in dem Träumer gerade vorgehe, oder gar schlichter Zufall.

Mehr als 2300 Jahre nach Aristoteles’ Tod streitet sich die Wissenschaft immer noch darüber, welche Funktion Träume haben. Sigmund Freud war davon überzeugt, dass ihnen eine verschlüsselte Botschaft innewohnt: Der Begründer der Psychoanalyse sah in den Nachtbildern symbolische Hinweise auf verdrängte Wünsche. Sie offenbaren so, was wir in unserem tiefsten Innern fühlen und denken, uns aber womöglich nicht eingestehen. Wir müssen dazu allerdings lernen, sie zu deuten.

Träume wären demnach also eine Art Fenster zu unserer Seele – allerdings eines aus Milchglas, das nur einen verzerrten Blick in unser Innerstes gewährt. Wissenschaftlich überprüfen lässt sich diese Sichtweise kaum; allein schon deshalb, weil die Interpretation der Nachtbilder in hohem Maße subjektiv ist: Wann ist die geträumte Krawatte einfach ein modisches Accessoire und wann ein Phallussymbol, das für unterdrückte sexuelle Bedürfnisse steht?

In Freuds Traumtheorie steckt ein Gedanke, der sich in vielen Hypothesen wiederfindet: Träume schärfen den Blick – entweder auf uns selbst oder auf unsere Umwelt. Durch sie können wir Dinge erkennen, für die uns im Wachzustand der Blick fehlt. Diese Idee klingt auch in der Geschichte von Otto Loewi an: Die These der chemischen Übertragung von Nervenimpulsen hatte ihn schon seit fast zwei Jahrzehnten beschäftigt. Doch erst im Traum kam ihm der entscheidende Geistesblitz, der schließlich zu ihrem Beweis führte. Ist es aber tatsächlich so, dass Träume uns weitsichtiger machen? Dass wir durch sie zu neuen Erkenntnissen gelangen?

Sue Llewellyn, emeritierte Sozialwissenschaftlerin der Universität Manchester und Autorin des Buchs What Do Dreams Do?, ist davon überzeugt. „Ich glaube, dass Träume uns helfen, Gesetzmäßigkeiten in unseren Erlebnissen zu identifizieren“, sagt sie. „Als Jäger und Sammler konnten wir auf diese Weise zum Beispiel leichter bedrohliche Situationen erkennen.“ Wir Menschen sind gut darin, Muster oder Regeln zu entdecken – es ist ziemlich nützlich, zu wissen, dass auf das grollende Geräusch am Himmel oft ein Gewitterschauer folgt. Nicht immer jedoch sind die Zusammenhänge derart offensichtlich. Eventuell ermöglicht uns das nächtliche Kopfkino, sie dennoch zu sehen – so lautet Llewellyns Theorie.

Denn im REM-Schlaf (also in den Phasen der Nachtruhe, in denen wir Experten zufolge die buntesten Träume haben) kombiniere unser Gehirn ganz unterschiedliche Erinnerungen miteinander. Gleichzeitig glaubt Llewellyn, dass diese Traumbilder Berührungspunkte haben, so inkohärent sie uns auch erscheinen mögen. Sie hängen zusammen, allerdings sehr lose. „Im REM-Schlaf werden die lockeren Assoziationen zwischen ihnen gestärkt“, meint sie. Dadurch trete das Verbindende zwischen ihnen deutlicher hervor. Auf diese Weise kämen wir zu neuen und kreativeren Einsichten: „Kreativität ist ja gerade die Fähigkeit, Zusammenhänge zu sehen, die wir normalerweise nicht wahrnehmen.“

Tatsächlich zeigen Studien, dass Menschen versteckte Regeln oder Muster besser wahrnehmen, wenn sie zuvor geschlafen haben. Ein schönes Beispiel dafür stammt von den US-Wissenschaftlern Murray Barsky, Matthew Tucker und Robert Stickgold. Sie stellten Studierenden die Aufgabe, das Wetter vorherzusagen – allerdings nicht in der Realität, sondern im Rahmen eines einfachen Spiels. Dazu konnten die Probandinnen und Probanden sich aber nicht auf Informationen wie Bewölkung, Luftdruck oder Temperatur stützen. Dass Wolken Regen bedeuten, dürfte schließlich jedem bekannt sein. Die Forscher wollten aber wissen, ob die Versuchspersonen auch völlig neue Gesetzmäßigkeiten erkennen würden.

Hilfe beim Problemlösen

Sie zeigten ihnen daher Spielkarten mit aufgedruckten Bildern – einer Uhr, einer Glühlampe, einem Flugzeug, einem Fisch. Jede dieser Karten stand für eine bestimmte Wahrscheinlichkeit, dass es sonnig werden würde. In einer Lernphase bekamen die Studierenden bis zu drei Karten in verschiedenen Kombinationen zu sehen, und das 200-mal hintereinander. Zusätzlich sahen sie das Bild einer Sonne oder einer Regenwolke. Sie konnten auf diese Weise mit der Zeit ein Gefühl dafür entwickeln, welche der Spielkarten tendenziell für gutes und welche tendenziell für schlechtes Wetter stand. Direkt nach dem Training wurden sie getestet, wie gut das geklappt hatte, wie treffsicher sie also auf Basis der Karten Sonne oder Regen vorhersagen konnten. Ein Teil der Probandinnen und Probanden durfte dann ein anderthalbstündiges Nickerchen machen. Bei einem zweiten Test danach verbesserte sich die Qualität ihrer Vorhersagen erheblich, und zwar umso deutlicher, je länger ihre REM-Schlafphase gewesen war. Bei den Versuchspersonen, die nicht geschlafen hatten, unterschieden sich die Ergebnisse beider Tests dagegen nicht.

Ähnliche Befunde gibt es inzwischen zuhauf. Ob es um versteckte Prinzipien in Zahlenfolgen geht, um verborgene räumliche Muster oder um grammatikalische Regeln: Nach einem Schlummer tun wir uns oft leichter damit, derartige Gesetzmäßigkeiten zu erkennen. Und oft (allerdings nicht immer) scheint dem REM-Schlaf dabei eine besondere Bedeutung zuzukommen. Auch vor dem Lösen komplexer Aufgaben scheint es sich zu lohnen, erst einmal eine Nacht zu ruhen. In diese Richtung deutet zumindest eine aktuelle Studie der Tübinger Psychologin und Neurowissenschaftlerin Sabine Diekelmann. Sie hatte zusammen mit Kollegen junge Frauen und Männer zu einem Videospiel eingeladen. Die Lösung eines besonders schwierigen Levels erforderte es, zuvor erlernte Strategien abzuwandeln und out of the box zu denken. Das gelang den Versuchspersonen viel besser, wenn sie zunächst darüber schlafen durften.

Wozu dienen Träume überhaupt?

Damit ist aber noch nicht gesagt, dass unsere Träume bei diesen Prozessen irgendeine Rolle spielen. „Viele Menschen setzen Schlafen und Träumen gleich“, sagt der Gedächtnisforscher Jan Born, der auch an der Videospielstudie beteiligt war. „Das ist verständlich; Träume sind das, was am Schlaf für den Laien greifbar ist. Es ist aber nicht korrekt.“ Der Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie an der Universität Tübingen ist davon überzeugt, dass die Nachtruhe für das Erkennen von Mustern essenziell ist. „Tagsüber speichert unser Gehirn konkrete Erlebnisse ab. Im Schlaf werden diese Episoden in eine abstrakte Form gegossen und dann ins Langzeitgedächtnis verfrachtet. Das Gehirn schaut also, wo in unseren Erlebnissen die Gemeinsamkeiten liegen, und bildet daraus schemaartige Gedächtnisinhalte.“ Diesem Prozess der Generalisierung verdanken wir, dass wir einen Dackel als Hund identifizieren, auch wenn wir zuvor noch keinen gesehen haben. Dass wir grammatikalische Regeln verinnerlichen und wissen, wie wir in der Kurve auf dem Fahrrad das Gewicht verlagern müssen. Oder wie Born es ausdrückt: „Ohne Schlaf würde kein Kind sprechen oder laufen lernen.“

Dass unsere Gabe zur Mustererkennung überlebenswichtig ist, darin stimmt Born mit Sue Llewellyn überein. Ob unsere Träume dabei irgendeine Rolle spielen? Born bezweifelt das. Überhaupt möchte er mit der Fehlvorstellung aufräumen, dass die Aktivierungszustände, die man nachts im Gehirn sieht, mit irgendwelchen Traumerlebnissen gleichzusetzen sind. Die meisten nächtlichen Erregungsmuster seien unbewusst; sie seien keine Träume. Das gelte vermutlich auch für einen Vorgang, den Gedächtnisforscher als Replay bezeichnen, als das nächtliche Wiederholen von Erinnerungen im Gehirn. „Es ist unwahrscheinlich, dass bei diesem Replay bewusste und erinnerbare Traumsequenzen produziert werden“, betont Born. Wenn wir nach dem Schlafen die Vokabeln besser können, liegt das also wohl nicht daran, dass wir sie im Traum noch einmal vor uns gesehen und so geübt haben. Unumstritten ist aber auch diese These nicht: Manche Studien lassen sich durchaus so deuten, dass sich Lerninhalte in unsere Träume schleichen – und dass uns dieser Vorgang hilft, uns an sie zu erinnern.

Wer sich für den aktuellen Kenntnisstand zum Thema Träumen interessiert, landet schnell bei Michael Schredl vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Schredl ist Sprecher der Arbeitsgruppe Traum der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin; er gilt als einer der renommiertesten Traumforscher Deutschlands. Welche Funktion Träume haben – ja, ob sie überhaupt eine Funktion haben –, weiß aber auch er nicht zu sagen. „Die Frage lässt sich aktuell nicht beantworten“, sagt er lakonisch. Sicher, an Hypothesen mangelt es nicht: So gibt es die threat simulation theory, nach der wir in unseren Träumen die passende Antwort auf bedrohliche Situationen einüben, wie der finnische Psychologe Antti Revonsuo vermutet. Oder die protoconsciousness theory  von Allan Hobson, wonach Träume wichtig für die Entwicklung des Bewusstseins sind.

Kopfkino mit Verzögerung

Das Problem an unseren nächtlichen Fantasien ist, dass wir sie in der Regel vergessen. Die Wissenschaft kann naturgemäß aber nur die Träume untersuchen, die uns im Gedächtnis bleiben. Das passiert jedoch vergleichsweise selten – nämlich dann, wenn wir während des Traums aufwachen oder geweckt werden. „In einer Studie haben Frauen, die nach einer Scheidung von ihrem Partner geträumt haben, ein Jahr später seltener unter Depressionen gelitten“, verdeutlicht Schredl das Problem: „Heißt das nun, dass unsere Träume uns helfen, schlimme Ereignisse zu verarbeiten? Oder entstand dieser Effekt, weil die Frau beim Träumen erwacht ist und sich dann mit dem Inhalt des Traumes auseinandergesetzt hat? Denn das ist inzwischen gut belegt: Dass man aus Träumen, an die man sich erinnert, viel lernen kann.“ Doch haben Träume per se irgendeinen Nutzen, also auch dann, wenn wir uns nicht an sie erinnern? „Das muss eine offene Frage bleiben“, betont Schredl.

Was die Inhalte der nächtlichen Fantasien anbelangt, ist die Sache jedoch klarer: „Die Forschung zeigt, dass Träume das widerspiegeln, was uns auch tagsüber bewegt“, sagt der Mannheimer Wissenschaftler. Allerdings tauchen diese Erlebnisse oft nicht direkt im nächtlichen Kopfkino auf, sondern erst mit ein paar Tagen Verzögerung – ein Phänomen, das die Wissenschaftler Tore Nielsen und Russel Powell bereits vor mehr als 30 Jahren beschrieben haben. „Meiner Erfahrung nach liefern Träume zudem keine Lösungen“, erklärt Schredl. „Sie enden immer an der Stelle, an der die träumende Person auch im Wachzustand steht.“ Und wie passt dazu die Geschichte mit Otto Loewi? Wenn sich jemand fast zwei Jahrzehnte mit einer wissenschaftlichen Theorie beschäftigt, dann ist es sicher kein Wunder, dass diese Hypothese sich irgendwann auch in seine Träume stiehlt. Und seine Eingebung? Beim Erwachen aus dem REM-Schlaf benötigt das Gehirn ein paar Minuten, um in seinen normalen Betriebszustand umzuschalten. Bis dahin sind in ihm bestimmte Kontrollinstanzen weniger aktiv als normal – es befindet sich sozusagen in einem anderen Arbeitsmodus. Vielleicht falle es uns in solchen Momenten leichter, auf kreative Ideen zu kommen, meint der Tübinger Gedächtnisforscher Jan Born.

Eventuell war die Zeit für Loewis Experiment aber auch einfach reif.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute Compact 65: Besser schlafen
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