Zurück aus der Zukunft

Autor Harald Welzer fordert dazu auf, eine Vision von einem guten verbleibenden Leben zu entwerfen.

Zu den Eigentümlichkeiten der deutschen Sprache gehört das Futur II, eine Zeitstufe, die das ausdrückt, was jemand getan haben wird. Dass es sich dabei nicht nur um eine Lektion aus dem Grammatiklehrbuch, sondern auch um eine Methode der Lebensführung handelt, ist die zentrale These des neuen Buches von Harald Welzer.

Als Leser werde ich darin aufgefordert, einen Nachruf auf mich selbst zu formulieren. Und das ist keineswegs fatalistisch gemeint: So ein Nachruf sei eine produktive Angelegenheit, eine Art Selbstverpflichtung, so zu werden, wie man gerne sein möchte, und schließlich will auch niemand im eigenen Nekrolog den Satz lesen: „Sie erkannte die Probleme, war aber zu lethargisch, um etwas an ihrem Verhalten zu ändern.“

Die Probleme, um die es Welzer hier geht, sind ökologischer Natur. Im Jahr 2020 hat die Masse unbelebter Gegenstände auf dem Planeten Erde jene der Biomasse erstmals übertroffen. Dies nun nimmt der Autor zum Anlass für eine Reflexion über das Unvermögen der Moderne, auf den Stoppknopf zu drücken.

Fundamentales Scheitern nicht ausgeschlossen

Auf gesellschaftlicher Ebene ist dem deshalb so, weil sich das Mühlrad des Kapitalismus unaufhörlich weiterdreht. Im Angesicht des Klimawandels erweist sich ein Denken, das diesem System verhaftet ist, als unzulänglich: Es möchte um CO-Tonnen und Temperatursteige­rungs-Nachkommastellen feilschen, gerade so, als könne man mit der Natur verhandeln wie mit einem Gebrauchtwagenhändler. Und es tut so, als sei ausgemacht, dass am Ende dann doch alles gutgehen wird – obwohl doch unser fundamentales Scheitern eine reale Möglichkeit ist.

Doch auch auf der Ebene der Individuen fehlt Welzer zufolge das Gespür für die Endlichkeit: In einer Zeit, in der Menschen immer älter werden, sich also viele Jahrzehnte lang nicht mit dem Sterben beschäftigen müssen, und in der religiöse Traditionen wegfallen, die dem Verfall des Physischen einst metaphysische Tiefe gaben, ist der Tod kein lebensprägendes Thema mehr. Und so leben viele, als seien sie unsterblich.

Sich der Endlichkeit des eigenen Lebens bewusst werden

Dass indes die gesellschaftliche mit der individuellen Ebene zwingend zusammenhängt, dass also zwischen dem mangelnden Todesbewusstsein von Alltagsmenschen und den spärlichen Verhandlungsresultaten der großen Klimagipfel eine direkte Linie verläuft, ist dann doch eine recht spekulative These. Fesselnd wird das Buch denn auch eher an den autobiografischen Stellen, die aufzeigen, wie eine Lebenswende konkret aussehen kann.

Welzer schildert plastisch seinen eigenen Herzinfarkt: Angina Pectoris, Beklemmungsgefühle, EKG, Rettungswagen, Intensivstation. Am 22. April 2020 stirbt der Autor gewissermaßen einen Tod, auch wenn er in medizinischer Hinsicht glimpflich davonkommt: Er beerdigt die Illusion, die Endlichkeit sei ein Problem, das ihn nicht betreffe. Für ihn Anlass, seinen eigenen (am Buchende abgedruckten) Nachruf zu entwerfen – und damit eine Vision von einem guten verbleibenden Leben. Jetzt müssen es ihm nur noch 7,9 Milliarden Menschen gleichtun.

Harald Welzer: Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens. S. Fischer, Frankfurt a.M. 2021, 288 S., € 22,–.

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