Quiz: Welcher wütende Mann ist hier in Therapie?

Peter Schneider ist Psychoanalytiker in Zürich. Jeden Monat behandelt er eine Figur aus der Literatur. Welches Buch ist es diesmal?

Das Foto zeigt einen Mann von hinten, der wütend die Hände nach oben streckt
Der wütende Mann klagt über die Ungerechtigkeiten, die ihm widerfahren sind © RapidEye/Getty Images

Aus welchem Buch stammt er?

Der etwa 30-jährige Patient, nennen wir ihn Herrn K., kommt mit einer langen Vorgeschichte von Diagnosen zu mir: Sie reichen von der Störung des Sozialverhaltens über die paranoide Persönlichkeitsstörung mit querulatorischen Zügen, die Störung der Gefühlsregulierung bis hin zur posttraumatischen Belastungsstörung. Ich beschließe, der bunten Palette der mannigfachen Komorbiditäten nicht noch den Farbklecks einer weiteren Diagnose hinzuzufügen, sondern das zu tun, was ihm seiner Ansicht nach immer verweigert wird: ihm ein offenes und vorurteilsfreies Ohr zu schenken.

Herr K. klagt über die Ungerechtigkeiten, die ihm widerfahren. Er lasse sich nicht „von Hinz und Kunz“ über den Tisch ziehen, was er verlange, sei nur Gerechtigkeit. In der Tat ist er in mehrere Zivilstreitigkeiten verwickelt, die sich für ihn ungünstig entwickeln. Seine Klagen erscheinen keineswegs an den Haaren herbeigezogen; problematisch ist, wie er sie verarbeitet.

Nach zahlreichen Briefen an Politiker und kirchliche Würdenträger, von denen er sich vergeblich Unterstützung erhofft hatte, möchte er nun nur noch alles um sich herum anzünden. Hinter seiner lauten Reichsbürger-Attitüde verbirgt sich eine tiefe Vulnerabilität, die er selbst spürt, was aber nicht dazu führt, dass er seine Wut gegen „die da oben“ relativiert. Er wisse nicht, wie und wo es mit ihm noch enden solle, sagt Herr K. und drückt dabei noch heftiger seinen Gefühls-Regulations-Stachelball, den er von seinem vorherigen Therapeuten erhalten hat. Wir vereinbaren ein weiteres Gespräch.

Aus welchem Buch stammt der beschriebene Patient? Hier finden Sie die Auflösung.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 6/2024: Im Erzählen finde ich mich selbst
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