Fragiles Flickwerk

Wie kann das Zusammenleben in Patchwork- und Stieffamilien gelingen? Drei Buchautoren geben Antworten auf diese Frage.

„Wenn ein Liebespaar sich zusammentut und einer der beiden oder beide bereits Kinder haben, besteht eine Patchworkkonstruktion, egal ob man zusammenwohnt, sich gerade erst kennengelernt hat oder die Kinder nur alle zwei Wochen kommen“ – schreibt Katharina Grünewald. Ihr Buch Glückliche Stiefmutter ist ebenso wie Gerhard Bliersbachs Buch Mit Kind und Kegel geprägt von einer psychologisch-therapeutischen Grundhaltung und einer persönlichen Betroffenheit. Beide beschreiben eine Fülle von konkreten Alltagssituationen und familiären Konflikten, wobei den Beispielen anzumerken ist, dass sie nicht nur aus der therapeutischen Erfahrung gespeist sind, sondern auch aus dem eigenen Erleben. Corina Ahlers’ Buch Patchworkfamilien beraten richtet den Blick auf die immer größer werdende Zahl auch kulturell unterschiedlicher familiärer Systeme.

Grünewald befasst sich mit den teils unbewusst überlieferten Mythen und Zuschreibungen, die wir mit dem Begriff der – meist bösen – Stiefmutter verbinden, und setzt dagegen das Konzept der „glücklichen Stiefmutter“. Sie beschreibt Einstellungen und Verhaltensweisen, die dazu beitragen, dieses Ziel zu erreichen.

Bliersbach setzt sich dagegen kritisch mit den Begriffen „Stieffamilie“ und „Patchworkfamilie“ auseinander. Er schreibt gegen das „gar nicht so einfach aufzulösende Missverständnis“ an, das entsteht, wenn Stief- und Patchworkfamilien wie Synonyme verstanden werden. Die Unterschiede sind signifikant: „Eine Stieffamilie hat den irreparablen Verlust eines Elternteils […], eine Patchworkfamilie den irreparablen Verlust der Gegenwart des Elternpaares und damit den Verlust der familiären Umwelt (mit ihrer Vertrautheit und ihrem Sicherheitsgefühl) zu verkraften.“

Not der Kinder

Wenn Kinder mit dem Tod von Mutter oder Vater fertigwerden müssen, ist das in jeder Hinsicht eine Katastrophe. Die Welt scheint stillzustehen. Das gilt bis zu einem gewissen Grad auch dann, wenn Eltern auseinandergehen. Weil aber in diesem Fall beide Elternteile zwar an getrennten Orten leben, jedoch weiterhin miteinander beschäftigt und aufeinander bezogen bleiben, also „anwesend und abwesend zugleich“ sind, setzen Kinder alles daran, den Riss zu heilen, die Eltern zusammenzuhalten und die ehemals „heile“ Familienwelt wiederherzustellen. Sie tun das in der Fantasie, oft genug auch in der Realität. Auf diese „Not der Kinder“ lenkt Bliersbach seinen Blick.

Trotz der begrifflichen Unterschiede liegen die Vorschläge zum Gelingen des Alltags in der neuen familiären Konstellation bei beiden Autoren nicht allzu weit auseinander. Sie sind sich einig darin, dass es niemals darum gehen kann, eine leibliche Mutter, einen leiblichen Vater zu ersetzen. Es gibt keine „heile“ Familie mehr, und es wird sie nie mehr geben. Die neue Partnerin oder der neue Partner wird in den Augen der Kinder immer ein Fremder, eine Fremde bleiben. Das zu akzeptieren ist für alle Betroffenen nicht einfach. Die Aufgabe, die nun vor ihnen liegt, ist, eine „Gewissheit stabiler Getrenntheit“ herzustellen und einen neuen Rahmen zu schaffen, der den Kindern im Laufe der Zeit wieder Sicherheit gibt und ihre erschütterte Lebenszuversicht wiederherstellt.

Grenzen einhalten

Grünewald zufolge können hinzukommende Partner in der Patchworkfamilie nur dann gut überleben, wenn es ihnen gelingt, eine produktive Distanz zu halten und darauf zu achten, dass Grenzen eingehalten werden. Das ganze System leide darunter, wenn ein Partner etwa aus falsch verstandener Rücksichtnahme oder selbst auferlegter Großmütigkeit die eigenen Emp­findungen, Traurigkeit über ein Gefühl des Ausgeschlossenseins oder Verletzungen unterdrückt oder „hinunterschluckt“.

Beide Autoren empfehlen, in der neuen Situation möglichst wenig dem Zufall zu überlassen, sondern neben klaren Abmachungen und Regeln auch Rituale in den oft verwirrenden Alltag einzuführen, die nicht nur den Kindern, sondern auch den Erwachsenen einen Halt bieten.

Beide Bücher sind sowohl für Betroffene als auch für professionelle Berater und Therapeuten geeignet. Bei Grünewald ist der Blick auf die neu hinzukommende Partnerin gerichtet, bei Bliersbach schwerpunktmäßig auf „die Not der Kinder“.

Mythos „Blutsbande”

Dagegen versammelt Corina Ahlers in ihrem Fachbuch eine Fülle unterschiedlicher Lebens- und Liebesformen, die sie im Rahmen ihrer langjährigen systemischen Beratungsarbeit kennengelernt hat. Sie macht deutlich, dass es kein Modell gibt, das für alle Menschen und in jedem Fall akzeptabel wäre. Ihr Buch Patchworkfamilien beraten handelt also nicht nur davon, wie Menschen mit einer zunächst nicht gewollten, nun aber als schwierig und herausfordernd erlebten Situation fertigwerden können – sie stellt das Patchwork in den größeren Rahmen einer Suche nach Alternativen zum traditionellen Mythos der durch „Blutsbande“ definierten Familie.

Dabei ist sie überzeugt, dass auch die meisten Patchworkfamilien etwas Passageres sind, was sie durch eine Fülle von Fallbeispielen belegt. Das ist beeindruckend, in der gedrängten Zusammenfassung des oft unübersichtlichen Materials manchmal aber auch verwirrend.

Ahlers wendet sich offensichtlich eher an Fachleute als an Betroffene, die Rat und Hilfe suchen. Im Vorwort heißt es, das Buch zeige, „welch ein breites Instrumentarium systemische Praxis zu bieten hat“. Dieses Versprechen wird allerdings nicht ganz erfüllt. Wer aus der gewaltigen Materialfülle der berichteten Fallbeispiele einen Gewinn für die eigene Arbeit ziehen will, sollte mit dem Instrumentarium systemisch orientierter Familienarbeit bereits vertraut sein. Ansonsten wird es schwierig sein, in den allzu komprimierten Erzählungen eine nachvollziehbare Methode zu erkennen.

Katharina Grünewald: Glückliche Stiefmutter. Gut zusammen leben in Patchworkfamilien. Herder, Freiburg i. Br. 2018, 192 S., € 18,–

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 8/2019: Paare im Stress
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