Krebs als Naturgeschenk!?

Esoterik hat eine erhebliche Anziehungskraft. Doch was vermeintlich harmlos beginnt, kann böse enden, wie das Buch Gefährlicher Glaube zeigt.

Rund 30 Prozent der Deutschen halten es für wahrscheinlich, dass Sternzeichen unser Leben beeinflussen, und knapp jede Vierte glaubt, dass einige Menschen übernatürliche Heilkräfte besitzen könnten. Esoterische Modelle sind – auch wenn Extreme wie der Satanismus oder das Gläserrücken nur sehr selten vorkommen – weit verbreitet. Ihre Wirkung auf Menschen kann erheblich sein, weswegen es solche Bücher wie Gefährlicher Glaube braucht, das neue Werk von Pia Lamberty und Katharina Nocun.

Die Psychologin und die Politikwissenschaftlerin machen schon in ihrem Vorwort klar, dass eine besondere Anziehungskraft der Esoterik darin besteht, dass sie häufig zunächst harmlos daherkomme, so dass man sich erst mal leichten Herzens von ihr verführen lasse. Lamberty und Nocun berichten, wie sie als Teenager den Hellsehern in den Talkshows lauschten und sich in Mädchenzeitschriften über das Handlesen informierten und sich königlich amüsierten, wenn Phoebe in der Sitcom Friends beklagte, dass ihre Aura-Reinigung schiefgegangen sei, so dass sie jetzt von einer alten New Yorker Dame besessen sei. „Doch je älter wir wurden“, so die Autorinnen weiter, „desto mehr wuchs die Erkenntnis in uns heran, wie schnell aus einem vermeintlich harmlosen Hobby bitterer Ernst werden kann.“

Esoterisch oder rechtsextrem?

Denn Esoterik kann nicht nur in einer kostspieligen, bis in die Überschuldung führenden Dauerschleife aus Seminaren, Coachings und Lebensberatung enden, sondern auch darin, dass man im Falle einer ernsthaften Erkrankung auf medizinische Hilfe verzichtet. Ganz zu schweigen davon, dass esoterische und faschistische Gedanken traditionell eine große Schnittmenge besitzen. „Anhänger so mancher esoterischer Pseudomedizin wittern seit jeher eine jüdische Weltverschwörung hinter Impfkampagnen“, warnen die Autorinnen.

Ebenso akribisch wie unterhaltsam beschreiben Lamberty und Nocun, was die Esoterik gerade heute so attraktiv macht. Dazu zählt etwa das gewaltige Multiplikatorenpotenzial, das ihr die virtuelle Welt bietet, ebenso aber auch ihre Fähigkeit, aktuelle gesellschaftliche Themen zu assimilieren.

So präsentiert sich Esoterik oft als Gegenpart zur kühlen und kopfgesteuerten Männerwelt, weswegen sich ihre Anhängerschaft hauptsächlich aus Frauen rekrutiert, denen – in einer von Sexismus und Diskriminierung geprägten Welt – eine Aufwertung versprochen wird nach dem Prinzip: Die weibliche Intuition siegt über den männlichen Herrschaftsanspruch.

Lebensrettende Behandlungen gelten als Manipulation 

Doch tatsächlich gehe es dabei, wie Lamberty und Nocun betonen, nicht um Empowerment, sondern um die Verfestigung antifeministischer Geschlechtsstereotype wie etwa des der „weiblichen Fürsorge“ und der „Mutter Natur“, die für alles eine Lösung habe, wenn man ihr nur vertraue. Wie überhaupt „Natur“ im Zentrum der meisten großen Esoterikbewegungen steht. Deren Credo: Praktisch alles Übel in der Welt entsteht dadurch, dass wir uns wider die Natur verhalten. Weswegen Impfungen als typisch manipulative Aktionen der modernen Medizin von vornherein zum Scheitern verurteilt seien.

Und das gilt laut der „germanischen neuen Medizin“ von Ryke Geerd Hamer auch für die üblicherweise eingesetzten Operationen, Bestrahlungen und Chemotherapien gegen Krebs, da es sich bei diesem um ein „biologisch sinnvolles Sonderprogramm der Natur“ handle. Statt dieser Behandlungen, so der Rat des inzwischen verstorbenen Eso-Arztes, sollte man den „Revier- und Schreckängsten“ des krebskranken Menschen auf den Grund gehen.

Wenn Lamberty und Nocun von der­artigen Kuriositäten berichten, wird erkennbar, dass ihnen trotz all ihres Hintergrundwissens zur Esoterik immer noch eine gewisse Fassungslosigkeit geblieben ist. Und es gelingt ihnen, diese auf ihre Leserinnen und Leser zu übertragen. Weswegen ihr Buch umso nachhaltiger wirkt, aber eben auch nicht gerade leicht verdaulich ist.

Wie esoterikaffin sind wird?

Und manchmal geht es darin sogar heimtückisch zu. So wird man zu einem Test aufgefordert, aus dem man auf seine „esoterikaffinen“ Persönlichkeitsmerkmale schließen könne. Man beantwortet die Fragen, wobei man – wie immer bei solchen Tests – ein wenig zu seinen Gunsten lügt, und ist dann gespannt auf die Auflösung. Nur dass etwas völlig anderes herauskommen wird als das, womit man gerechnet hat. Doch mehr sei hier nicht verraten.

Nur so viel: Die Autorinnen zeigen an dieser Stelle, wie leicht wir uns alle von pseudowissen­schaftlichen Argumentationen blenden lassen – und dass wir uns nicht automatisch für klüger halten sollten als die Esoterikerinnen und Esoteriker in unserer Umgebung.

Pia Lamberty, Katharina Nocun: Gefährlicher ­Glaube. Die radikale Gedankenwelt der Esoterik. Quadriga, Köln 2022, 303 S., € 22,–

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 1/2023: Selbstmitgefühl
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