„Es war ein stilles Entsetzen“

Der Großvater in der NSDAP, der Vater antisemitisch: Psychologie Heute-Redakteurin Susanne Ackermann erzählt, wie in ihrer Familie die NS-Zeit nachwirkt

Nach dem Tod geht es nun an die familiäre Erinnerungsaufarbeitung – auch wenn einige düster und schmerzlich sind. © Nico De Pasquale Photography//Getty Images

Frau Ackermann, was wissen Sie darüber, wie Ihre Großeltern väterlicherseits sich im „Dritten Reich“ verhalten haben?

In meiner Verwandtschaft ist wenig darüber gesprochen worden. Als ich kleiner war, gar nichts. Später, als ich etwa 15 Jahre alt war – das war in den späten 70er Jahren – habe ich erfahren, dass mein Großvater NSDAP-Mitglied war. Anscheinend hat er sich wohl auch ehrenamtlich für die Partei engagiert, ist öffentlich für sie aufgetreten. Mein Großvater war damals Schulleiter in Lahr im Schwarzwald.

Von wem haben Sie das erfahren?

Das habe ich von meiner Mutter erfahren. Mein Vater hat mir gegenüber nie darüber gesprochen. Was ich dabei auch mitbekommen habe war, dass meine Großmutter nach dem Krieg ihre nationalsozialistische Überzeugung nicht aufgegeben hat. Sie war wohl später in der Bundesrepublik Mitglied in der NPD und hatte das Buch von Hitler, „Mein Kampf“, im Regal stehen, und zwar nicht aus Vergesslichkeit. Von meiner Mutter habe ich außerdem noch eine weitere Geschichte gehört: Als sie eine sehr junge Frau war und zu Besuch bei der Familie meines Vaters, hat die Familie über den Bruder meiner Großmutter gesprochen, der wohl an Partisanenerschießungen teilgenommen hat. Er wurde in der Familie wie ein Held verehrt. Meine Mutter war damals total schockiert und hat weinend das Zimmer verlassen. Ich weiß nicht viel über diesen Großonkel, nur dass er nach dem Krieg inhaftiert war wegen seiner Taten.

Haben Sie als Jugendliche Ihre Großeltern darauf angesprochen?

Nein. Mein Großvater ist 1944 bei einem Fliegerangriff auf einen Zug, in dem er saß, ums Leben gekommen. Mein Vater hat über den Tod seines Vaters nie gesprochen, es war quasi so, als hätte er gar keinen Vater gehabt, so wirkte das auf mich. Und zu meiner Großmutter habe ich den Kontakt daraufhin abgebrochen.

Warum?

Es war so ein Klima in der Familie, dass man nach solchen Dingen nicht fragen darf. Genauer kann ich es nicht beschreiben. Ich hätte es mich nicht getraut. Und nachdem meine Mutter mir eben diese Dinge über die Großeltern erzählt hatte, wollte ich keinen Kontakt mehr mit der Großmutter haben. Ich habe mich durch die Informationen zu sehr überfordert und belastet gefühlt, ich wusste als Jugendliche einfach nicht, wie ich damit umgehen sollte. Es war ein stilles Entsetzen und eine Riesenenttäuschung. Ich dachte: „Die sind ja gar nicht so, wie sie immer tun.“

Als was für einen Menschen hatten Sie Ihre Großmutter erlebt?

Meine Großmutter war ein sehr dominanter Mensch, sehr entschlossen. Sie war das Familienoberhaupt. Wenn wir uns bei ihr getroffen haben, saßen wir immer in einer Rangfolge am Tisch: Am Kopf des Tisches war sie, dann kamen die anderen Erwachsenen und schließlich wir Enkelkinder, am anderen Ende des Tisches. Das war sehr hierarchisch. Wenn man nicht gehorcht hat, dann wurde sie sehr wütend. Es war ein distanziertes und untergeordnetes Verhältnis.

Wie ging Ihr Vater mit seiner Mutter um?

Er war jemand, so meine ich mich zu erinnern, den meine Großmutter sehr verehrt hat. Aber gleichzeitig musste auch er sich ihr unterwerfen.

Haben Sie gegenüber Ihrem Vater oder Ihrer Großmutter damals begründet, warum Sie den Kontakt zu ihr abgebrochen haben?

Nein, das habe ich viel später gemacht. Ich habe mich erst einmal komplett zurückgezogen, habe das aber meinem Vater gegenüber nicht thematisiert. Ich wollte mein Verhältnis zu ihm nicht schädigen, weil meine Eltern sich getrennt hatten und es ohnehin nicht einfach war. Als ich 29 Jahre alt war und zum ersten Mal geheiratet habe, habe ich dann meinen Vater zur Hochzeit eingeladen, aber meine Großmutter nicht. Das hat er mitbekommen und mich nach dem Grund gefragt. Daraufhin habe ich ihm erklärt, warum: dass ich es entsetzlich finde, dass sie nationalsozialistische Überzeugungen hat und antisemitisch ist. Er hat mir nicht widersprochen. Er hat nur gesagt: „Sie hat Dinge durchgemacht von denen du keine Ahnung hast.“ Und daraufhin ist er auch nicht zu meiner Hochzeit gekommen.

Haben Sie Ihre Oma gar nicht mehr wiedergesehen, bis sie gestorben ist?

Nein. Ich habe irgendwann noch einen Brief von ihr bekommen, da war meine Tochter etwa 3 Jahre alt. Da hat meine Großmutter mir geschrieben, dass sie möchte, dass ich sie besuchen komme. Aber ich habe nicht darauf reagiert.

Bedauern Sie das heute?

Ich glaube, dass das für mich richtig war. Ich glaube, dass ich auf Abgründe gestoßen wäre, die mir schwer zu schaffen gemacht hätten und ich weiß nicht, ob ich jemanden gefunden hätte, der mir geholfen hätte, das zu bewältigen. Vor allem, wie hartnäckig dieser Teil der Verwandtschaft an der NS-Ideologie festgehalten hat. Und dass diese Ideologie wichtiger war als letztlich … Ich. Und als die Gegenwart. Das war, was mir unheimlich war. Ich hatte das Gefühl, dass ich da auf Granit beißen würde, dass es mir nicht möglich sein würde, meine Großmutter dazu zu bringen, etwas in Frage zu stellen. Und es hat mir auch Angst gemacht, weil in dem Festhalten an der Ideologie so viel Wut drinsteckte und Aggression gegen diejenigen, die es wagten, das anzugreifen.

Wie hat sich die Verherrlichung der NS-Vergangenheit auf Ihren Vater ausgewirkt?

Als ich ein Kind war, hat er sich nie rechtsradikal geäußert. Er war insgesamt sehr verschlossen. Es war dann so gegen 2011, als mein Vater begann, plötzlich von der „jüdischen Hochfinanz“ zu reden. Und er behauptete, dass die Amerikaner die Attentate vom 11. September 2001 selbst inszeniert hätten. Außerdem wollte er mich, als ich in dieser Zeit an Krebs erkrankte, dazu bringen, zu Ryke Geerd Hamer zu gehen, dem Begründer der „Germanischen Neuen Medizin“, der schon lange nicht mehr in Deutschland praktizieren durfte. Ich habe meinen Vater damals ratlos angeschaut, ich wusste damit erstmal gar nichts anzufangen. Heute sehe ich das viel klarer und weiß viel mehr über Verschwörungstheorien und ihre Anhängerinnen und Anhänger. In meinem Vater hat etwas fortgelebt, das man lange von außen nicht bemerkt hat und das im Alter immer schlimmer wurde. Er wollte dann, dass ich meine Meinung ändere. Und als ich das nicht getan habe, hat er den Kontakt zu mir abgebrochen, bis er gestorben ist.

Warum interessieren Sie sich jetzt für das Thema, wo die Großmutter und der Vater nicht mehr leben?

Der eine Auslöser ist die Corona-Pandemie mit den vielen Verschwörungstheorien und „Querdenker“-Demonstrationen und der Sorge, dass ein Teil der Bevölkerung in gestrigen Ideologien ihre Heimat findet. Das zweite ist, dass mein Vater vor Kurzem verstorben ist und bei mir jetzt das Interesse wächst, nochmal zu erforschen: Was ist da denn wirklich passiert, was ist die Vorgeschichte, über die man nicht hat sprechen dürfen? Und ich möchte mich damit beschäftigen, was das mit mir gemacht hat: Wie hat sich das auf die Art ausgewirkt, wie ich bin? Wo merke ich, dass ich Schwachstellen habe? Dieses Harte, dieses Wütende in der Familie.

Sie haben beim Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde nach Akten zu Ihrem Großvater gefragt. Das Bundesarchiv hat Sie zunächst an das Stadtarchiv in Lahr verwiesen mit der Bitte zu schauen, ob dort noch mehr Details über ihn zu finden sind. Was erhoffen Sie sich von den Informationen aus den Archiven?

Ich glaube, dass es mich beruhigt, wenn das Ganze aus dem Mystischen herauskommt. Ich finde, historische Fakten haben etwas Beruhigendes, auch wenn sie schlimm sind. Aber Fakten sind Fakten. In der Familie wurde ja nie über Fakten gesprochen, es wurde gleich immer aggressiv – wenn es überhaupt mal zur Sprache kam. Und wenn ich auch nur angedeutet habe: Ich sehe das anders, dann wurde der Kontakt abgebrochen. Es war überhaupt kein Umgang damit möglich.

Glauben Sie, Sie werden dadurch vielleicht besser verstehen, wie Menschen wie Ihre Großmutter oder Ihr Vater zu rechten Ideologien kommen?

Es geht erstmal darum, die Eltern und Großeltern zu entidealisieren, sich die Enttäuschungen klar zu machen. Danach kann man vielleicht ein Stück weiter gehen und sagen: Dadurch sind sie so geworden. Aber sie sind ja nicht nur so geworden, weil die Umstände so waren, sie haben auch selbst Entscheidungen getroffen. Mein Vater hätte nach dem Ende seines Arbeitslebens auch entscheiden können, sich auf eine andere Art und Weise mit dem Thema zu beschäftigen, etwas anderes zu lesen, Raul Hillberg, Die Vernichtung der europäischen Juden zum Beispiel – die drei Bände sind vollgestopft mit Fakten. Da kann man alles erfahren, was passiert ist. Aber was hat mein Vater gemacht? Er hat sich weiter in seine antisemitischen Ansichten reingesteigert. Es war seine Entscheidung zu sagen: Ich halte daran fest, das ist die Wahrheit, das ist meine Erklärung der Welt.

Wie sehen Ihre eigenen Kinder das, haben die Interesse an der Frage, was die Großeltern im „Dritten Reich“ getan haben?

In der Kindheit habe ich mit ihnen nicht darüber gesprochen. Aber später dann, als mein Vater meinem Sohn, als der etwa 17 war, ein Buch über den Zweiten Weltkrieg aus einem rechtsextrem Verlag geschenkt hat. Mein Sohn, heute 26, hat sich jüngst mit der Vererbung von Traumata beschäftigt und ist in dem Zuge auf mich zugekommen und hat gesagt: „Du hast die Schuld der Familie nicht verarbeitet.“ Da mache ich aber einen Punkt und sage: Nein, ich habe keine persönliche Schuld. Ich relativiere nicht, ich verharmlose nicht, ich versuche, mich mit dem Thema immer wieder zu beschäftigen. Aber persönliche Schuld ist schon nochmal etwas anderes. Mein Sohn hat zu dem Stiefgroßvater mütterlicherseits geforscht, der im Zweiten Weltkrieg Fliegergeneral in der Wehrmacht war, eine schillernde Figur, über dich ich nicht so viel weiß.

Was sagt die Forschung darüber, wie in Familien heute über die Zeit des Nationalsozialismus gesprochen wird?

Der Psychologe Jonas Rees von der Universität Bielefeld ermittelt in jährlichen Umfragen, wie sich Menschen heute daran erinnern, was ihre Vorfahren in der NS-Zeit gemacht haben. Er kam in der aktuellen Studie zu dem Ergebnis: 29 Prozent der Befragten geben an, dass ihre Vorfahren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern geholfen und sie geschützt hätten. Das kann aber historisch gar nicht sein, es war maximal zwei Prozent der deutschen Bevölkerung. Jonas Rees sagt: Es gibt Erinnerungslücken und es ist eine gewisse Verklärung am Werk. Was auch ein Zeichen dafür ist, dass in den Familien nicht gesprochen wurde. Denn sonst hätten die Leute mehr Fakten parat. Er hat außerdem festgestellt, dass mittlerweile 23 Prozent der Befragten bezweifeln, dass alles stimmt, was über das Ausmaß der Judenverfolgung berichtet wird. Vor ein paar Jahren, 2017, waren es 14 Prozent. Die öffentliche Erinnerungskultur in Deutschland ist sicherlich sehr rege – aber in den Familien sieht es noch völlig anders aus.

Susanne Ackermann ist Redakteurin bei Psychologie Heute und betreut dort unter anderem die Forschungsrubrik "Studienplatz". Momentan wartet sie gespannt auf die Rückmeldung aus den Archiven

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