Wie neurotisch ist der „Homo Digitalis“?

Psychologe Johannes Hepp stellt den "Homo Digitalis" vor und wie dieser zwischen Erfahrungsgier und Selbstzweifeln im Internet zu navigieren versucht.

Die Illustration zeigt den Psychologen, systemischen Paar- und Familientherpeut und Psychoanalytiker, Johannes Hepp
Johannes Hepp, Psychologe, systemischer Paar- und Familientherapeut und Psychoanalytiker © Jan Rieckhoff für Psychologie Heute

Herr Hepp, in Ihrem Buch widmen Sie sich dem „Homo Digitalis“. Was zeichnet ihn aus?

FOMO, die fear of missing out, also die Angst, etwas zu verpassen, zeichnet viele Menschen im Zeitalter der Digitalisierung aus: Die rastlose Jagd nach Must-dos und Must-haves und den places to be führt direkt in das Burnout aufgrund pathologischer Erfahrungsgier. Der Datenozean wächst täglich weiter, und viele Menschen müssen auf immer ungesündere Art und Weise noch irgendwie auf sich aufmerksam machen.

Diese häufig zwanghafte Selbstvermarktung lässt viele abhängiger vom Applaus eines anonymen Onlinepublikums werden. Zwanghaftes Vergleichen führt zu wachsenden Selbstwertzweifeln. Und viele meiner Patientinnen und Patienten werden neurotisch verspannter, da über Nacht aus hysterischem Applaus ein vernichtender Shitstorm werden kann. 

Sie identifizieren insgesamt 21 Neurosen. Welche begegnen Ihnen in Ihrer Praxis am häufigsten?

Die Dating-Neurose: Von allen 21 im Buch beschriebenen Gegenwartsneurosen lässt sich vielleicht am anschaulichsten die Entstehung einer Netzneurose anhand des Online-Anbandelns veranschaulichen: Würden alle Partnersuchenden nach zwei, drei Dates glücklich und völlig unneurotisch in einer Beziehung leben, gingen die Dating-Plattformen schnell pleite.

Doch auch die Profilneurose ist weitverbreitet und es vollzieht sich online eine Adelung des Angebers; sich online zu profilieren, wird zu einem Volkssport. „Profilneurose“ meint auch im ganz wörtlichen Sinne, dass jemand abhängig ist von der Wahrnehmung seines Profils, gemessen durch Klickzahlen, Likes und Rankings. Tugenden wie Bescheidenheit werden immer weniger geschätzt.

Der Begriff der Neurose ist kaum noch gebräuchlich und gilt als veraltet. Warum verwenden Sie ihn trotzdem?

Mir ist bewusst, dass mein Umgang mit dem Neurosebegriff sehr frei ist und nicht klassischen Definitionen entspricht. Ich bezeichne verschiedene pathogene psychische Ausprägungsformen als Neurose, die nicht unter die Kategorie der Psychose fallen. Viele Studien belegen, dass Neurotizismus, also die Neigung zu Unsicherheit, Ängstlichkeit und Nervosität, eine kulturübergreifende Dimension der fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit aller Völker dieser Erde ist.

Die Big Five sind inzwischen das fast ausschließlich gebräuchliche Persönlichkeitsmodell. Sind Sie ein hochneurotischer User, der leicht durch Panikmache verunsichert werden kann? Oder sind Sie emotional sehr stabil und haben Ich-Stärke (ebenfalls ein psychoanalytischer Begriff, der längst in den Computerwissenschaften Einzug gehalten hat)? Big Data weiß also längst, wer von uns wie neurotisch ist, und durch welche personalisierte Werbung oder Fakenews wir noch neurotischer werden können.

Wie können wir die Widerstandsfähigkeit der Psyche gegenüber den automatisierten Manipulationen in Internet, Smartphone und Co. stärken?

Grundsätzlich führen Selbstironie, Handeln und ein lebenserprobter Realismus raus aus allen Neurosen, plus ausreichende Erkenntnis und Orientierung, Mut und Ausdauer. Denn wer nicht weiß, wohin, dem hilft auch Galoppieren nicht, weswegen Verhaltenscoaching allein nicht reicht. Denn wir müssen schleunigst und weltweit die beschriebenen Zusammenhänge verstehen, wollen wir als Gesellschaft noch all diese disruptiven Prozesse zum Besseren wenden oder zumindest eingrenzen.

Johannes Hepp arbeitet als Psychologe, systemischer Paar- und Familientherapeut und Psychoanalytiker in ­eigener Praxis in München.

Johannes Hepps Buch Die Psyche des Homo Digitalis. 21 Neurosen, die uns im 21. Jahrhundert herausfordern ist bei Kösel erschienen (416 S., € 22,–)

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 4/2023: Schüchtern glücklich sein
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