Konsumkritik: Heimsauna

Der Zuwachs an Heimsaunas symbolisiert den Rückzug ins Private. Schade... Denn gemeinsam schamlos zu Schwitzen hat seinen Wert.

Eine Heimsauna aus Holz in Form eines großen Fasses
Lieber ein riesiges heißes Fass im eigenen Keller, als schamerfüllt in Gesellschaft zu schwitzen. © Keit Kangro/Alamy Stock Photo

Seit der Coronapandemie hat die Heimsauna Konjunktur. Schenkt man den Marktstudien Glauben, setzt sich dieser Konsumtrend über die Pandemie hinaus fort. Doch der ideologisch unverdächtige Hang zum transpiratorischen Privatissimum hat aus sozialpsychologischer Sicht eine heikle Kehrseite.

Die größte zivilisatorische Errungenschaft des Westens ist nicht Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft, nicht die Pockenimpfung, nicht Mercedes-Benz, sondern die gemischte öffentliche Sauna als textilfreie Zone. Dass ein Haufen nackter, einander wildfremder Menschen diverser Geschlechtskonstruktionen auf engstem Raum zusammenhockt, und zwar sittsam, ohne übereinander herzufallen – dieses Hochamt der Triebkontrolle, dieser Sonderfall der Sublimierungskompetenz ist gefährdet, wenn sich die Leiber vermehrt in der schambefreiten Unverfänglichkeit trauter Heime erhitzen.

Wem es um die Bewahrung „westlicher Werte“ geht, der muss keine selbsternannten Abendlandretter wählen. Besser ist, die Heimsauna zu verkaufen und wieder in Gesellschaft zu schwitzen.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 6/2024: Im Erzählen finde ich mich selbst
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