Mythos Testosteron

Zwei Forscherinnen zeigen, wie populäre Legenden um das Sexualhormon die sozialen Komponenten gesellschaftlicher Probleme verschleiern und sexistische Klischees nähren.

Aufrichten, Brust raus, Hände in die Hüften: Über 60 Millionen haben sich das Power-Posing-Video der Sozialpsychologin Amy Cuddy schon angesehen. In nur zwei Minuten werde man durch die neue Körpersprache vom ängstlichen zum mächtigen Menschen. Angeblich geschieht das Wunder durch die Ausschüttung von Testosteron und das Absenken von Kortisol. Eine windige Studie behauptet es.

Wie komplex der Zusammenhang zwischen Hormonen, Gefühlen und Verhalten in Wirklichkeit ist, zeigen Rebecca Jordan-Young und Katrina Karkazis in ihrem Buch Testosteron. Sie lassen darin keinen Stein auf dem anderen und belegen, dass solch meteorhafter Aufstieg von Studien, etwa durch TED-Vorträge, nur funktioniert, wenn sie Kompliziertes vereinfachen und die Fakten bis zur Unkenntlichkeit verzerren.

So ergeht es dem Molekül namens T seit Jahrzehnten. Es wird verkannt, missbraucht, hochgejazzt, verdammt, vor allem aber wird sein komplexes Wesen banalisiert. T, so nennen die beiden Autorinnen das Hormon immer dann, wenn es um die Mythen geht, die um es ranken. Also dann, wenn die Rede davon ist, dass Testosteron männlich macht und stark, gierig und geil; dass es verantwortlich dafür ist, dass Männer technikaffin sind und Frauen nicht; dass es an sexueller Gewalt und Morden schuld ist.

Gegen den Strich gebürstet

Um herauszufinden, woher diese Ge­schichten rühren, haben die Amerikanerinnen massenhaft Studien der letzten Jahrzehnte durchleuchtet, Radiosendungen gehört, Talkshows angeschaut und unzählige Zeitschriften durchgeblättert – das alles mit einem Heer studentischer Hilfskräfte. Ihre Forschung kommt zum Ergebnis, dass das meiste, was Testosteron zugeschrieben wird, Humbug ist. Manchmal ist es einfach nur still damit beschäftigt, anderen Substanzen dabei zu helfen, Osteoporose zu verhindern.

Jordan-Young, Medizinsoziologin und Professorin für Women’s, Gender, and Sexuality Studies, und Karkazis, Kulturanthropologin und Bioethikerin, finden es überfällig, die am Markt befindlichen Biografien von Testosteron durch eine neue zu ersetzen. Ihr Buch ist genau das: die gegen den Strich gebürstete Lebensgeschichte eines hormonellen Wesens, das in unseren Körpern auf geheimnisvolle Weise wirkt.

Zunächst durchleuchten die beiden die 100-jährige Forschungsgeschichte von Testosteron und beginnen in der „vorbiochemischen Zeit“, als in rohen Experimenten an Hähnen und Bullen versucht wurde, dem Kern der Männlichkeit durch operatives Verpflanzen von Hodengewebe auf die Spur zu kommen. Je nachdem ob der Hahnenkamm schwoll oder die Erektion des Bullen verschwand, zogen die (männlichen) Wissenschaftler ihre Schlüsse. Erste Risse im Bild entstanden, als man in den 1930er Jahren Testosteron chemisch isolieren konnte und entdeckte, dass auch Eierstöcke das Hormon produzieren, ja dass Frauen es für viele Lebensvorgänge benötigen, sie sogar depressiv werden, wenn man ihren Testosteronspiegel absenkt.

Die Reduktion der Komplexität

Dennoch blieb das vereinfachende Konzept der binären Sexualhormone hartnäckig in den meisten Köpfen: Die Östrogene machen die Frau und steuern die liebevolle Mutter am Herd – Testos­teron macht den Mann und steuert den wilden Kerl im Krieg oder an der Börse.

Wie konnte diese Simplifizierung selbst in Studien namhafter Forscher weiter Bestand haben? Vor allem, so die Autorinnen, ist es die Macht kultureller Glaubenssätze, denn am Anfang jeder Wissenschaft steht ein Weltbild, das den Blick der Forschenden steuert. Die aufgeführten Beweise sind erdrückend, und es fällt schwer zu widersprechen, wenn die beiden schreiben: „Sie folterten ihre Daten so lange, bis sie endlich sprachen.“

Das Buch belegt, wie die sogenannten Narrative die Komplexität reduzieren, also wie Geschichten die Welt einfacher machen. Es ist leichter, Kriegsverbrechen mit zu viel Testosteron im Blut einzelner Soldaten zu erklären, als zu hinterfragen, welche Zusammenhänge mit sozialen, rassistischen oder bildungspolitischen Aspekten bestehen. Es ist einfacher, die Finanzkrise mit Testosteron zu begründen, als finanzpolitische, betrügerische, kapitalistische Strukturen der Wall Street zu durchleuchten.

Klar, dass auch Jordan-Young und Karkazis ein Weltbild haben, das ihren Blick steuert. Doch diese selbstbewussten Frauen argumentieren erfrischend klug, wenn auch stellenweise etwas akademisch.

Rebecca M. Jordan-Young, Katrina Karkazis: Testosteron. Warum ein Hormon nicht als Ausrede taugt. Aus dem Amerikanischen von Hainer Kober. Hanser, München 2020, 384 S., € 25,–

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