Genie und Wahnsinn

Ein Gespräch mit dem Psychotherapeuten Thomas Köhler über psychische Störungen berühmter Persönlichkeiten

Sagen Sie mal, Herr Köhler: Treten Genie und ­Wahnsinn oft gemeinsam auf?

Herr Professor Köhler, leiden berühmte Musiker, Künstler, Politiker und andere bekannte Persönlichkeiten tatsächlich häufiger unter psychischen Störungen als die Allgemeinbevölkerung?

Ich vermute, dass es tatsächlich so ist, aber beweisen lässt es sich mit den üblichen statistischen Methoden nicht. Die vielen wenig berühmten Personen mit psychischen Störungen werden nicht zur Kenntnis genommen. Für eine ganz bestimmte Verbindung zwischen Kreativität und psychischer Störung gibt es allerdings ernst zu nehmende Belege: Personen mit einer bipolaren Störung beziehungsweise ihrer schwächeren Ausprägung, der Zyklothymia, bei der sich eine mäßig gedrückte und gehobene Stimmung abwechseln, finden sich häufiger unter kreativen Menschen wie Musikern, Künstlern und Schriftstellern. Das liegt daran, dass bei einer leichten manischen Episode die Gedanken „leichter fließen“ und man allgemein aktiver ist. Umso gefährdeter sind die Künstler, wenn dann die manische in eine depressive Stimmung umschlägt. Hemingways erschreckender Selbstmord in einer depressiven Episode ist dafür ein eindrucksvolles Beispiel.

Warum beschäftigen Sie sich heutzutage mit der Bipolarität Ernest Hemingways, der Schizophrenie Ludwigs II. und der progressiven Paralyse von Friedrich Nietzsche?

Zugegebenermaßen wäre es wünschenswert, lebende Personen zu kommentieren; dem steht jedoch das Recht gegenüber, dass vertrauliche Daten, ohne die sich eine Diagnose nicht stellen lässt, der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Bei Ludwig II. beispielsweise, der in zahlreichen Ludwig-Vereinen verehrt wird und dessen Büsten in Bayern allerorten zu finden sind, liegen hingegen allgemein zugängliche Akten vor, die eine diagnostische Festlegung nicht schwer machen.

Auch Friedrich Nietzsche ist vielen bekannt, und auch bei ihm ist der Verlauf und der Befund der progressiven Paralyse, einer fortschreitenden Lähmung infolge einer unbehandelten oder nicht ausgeheilten Syphiliserkrankung, gut dokumentiert. Eine Ausnahme macht allerdings die Krankengeschichte von Ernest Hemingway, wo noch immer bis dato einiges unter Verschluss gehalten wird.

Ronald Reagan und Margaret Thatcher sind die „jüngsten Toten“, mit denen Sie sich in Ihrem Buch beschäftigt haben. Welche noch lebenden Persönlichkeiten würden Sie gerne diagnostizieren?

Was das betrifft, bin ich selbst etwas paranoid geworden: Der eine oder andere findige Anwalt würde nur darauf lauern, Rufschädigung nachzuweisen. Ich kann aber versichern, dass mir zu einigen lebenden Personen durchaus psychiatrische Diagnosen auf der Zunge lägen. Und ein unerfüllter Wunsch wird es wohl bleiben, den späteren Obduktionsbefund einiger Promis lesen zu können.

Ernest Hemingway, Heinrich von Kleist, Virginia Woolf, Stefan Zweig, Klaus Mann, Sylvia Plath – man hat den Eindruck, dass überzufällig viele Schriftsteller ihrem Leben selbst ein Ende bereiten. Was sagt die Studienlage hierzu?

Wie Brecht so schön sagt: „Und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.“ Die Studienlage dazu ist dürftig oder im Klartext: Sie existiert nicht. Ich gebe Ihnen aber in einem recht: Nach meiner Kenntnis haben unter den Künstlern auffällig viele Literaten ihrem Leben ein Ende gesetzt, seltener wohl Musiker, Maler und Architekten.

Interview: Katrin Brenner-Becker

Thomas Köhler promovierte in Medizin und Psychologie. Er arbeitete einige Zeit im ärztlichen Beruf. 1990 habilitierte er sich an der Universität Hamburg und ist dort als ­Privatdozent tätig, daneben ist er Dozent in verschiedenen Ausbildungsinstituten für Psychotherapeuten

Thomas Köhlers Buch Ruhm & Wahnsinn. Psychische Störungen ­bekannter Persönlichkeiten ist bei Schattauer ­erschienen (216 S., € 19,99)

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