Gestörter Geist

In seinem Buch „Was ist der Mensch?“ fragt der Nobelpreisträger Eric Kandel nach den biologischen Ursachen komplexer menschlicher Verhaltensweisen.

Als kleiner Junge musste der spätere Nobelpreisträger Eric Kandel mit seiner jüdischen Familie vor den Nazis aus Wien in die USA fliehen. „Wie kann eine der am höchsten entwickelten und kultiviertesten Gesellschaften auf Erden sich so abrupt dem Bösen zuwenden?“, fragte der Junge sich. Um solche Rätsel lösen zu können, wurde er Psychiater.

Als ihm klarwurde, wie schwer derartige Fragen zu beantworten sind, beschäftigte er sich erst einmal mit der Meeresschnecke Aplysia und erforschte an ihren Nervenzellen die Grundlagen des Lernens und des Gedächtnisses. Nun, mit fast 90, legt Kandel ein Buch vor, das die enorme Kluft zwischen der Biologie und den großen Fragen überbrücken soll. Was ist der Mensch?  hat der deutsche Verlag es betitelt. Die zu befürchtenden philosophischen Großbetrachtungen liefert Kandel glücklicherweise nicht. Und doch passt die bombastische Frage zumindest zum hohen Anspruch des Buchs.

Im Original heißt das Werk – wörtlich übersetzt – „Der gestörte Geist. Was ungewöhnliche Gehirne uns über uns selbst sagen“. Damit ist Kandels Herangehensweise wesentlich besser umschrieben: Wenn ein System wie das menschliche Gehirn versagt, lässt sich erschließen, wie es arbeitet.

Störungen des Gehirns

Mit dieser Blickrichtung beschreibt Kandel die wichtigsten psychischen Störungen und einige andere Phänomene, für die das Gehirn verantwortlich ist. Damit auch das nicht einschlägig vorgebildete Publikum folgen kann, steht am Anfang eine souveräne Einführung in die Hirnforschung, ein Crashkurs in Neuroanatomie, bildgebenden Verfahren und Genetik.

Denn psychische Störungen sind für Kandel Störungen des Gehirns, die wiederum oft Folgen von fehlerhaften Genen sind. So geradlinig wie sie sich bei ihm lesen, sind die Zusammenhänge allerdings nicht. „Die nüchterne Wahrheit ist“, bemängelte der MIT-Bioingenieur Alan Jasanoff in seiner Rezension, „dass die Beziehungen zwischen Genen und den meisten psychiatrischen Erkrankungen alles andere als klar sind.“

Kandel ist ein großer Fan von Tiermodellen, also beispielsweise Mäusen, die genetisch so manipuliert wurden, dass sie Symptome zeigen, die denen der Schizophrenie ähneln. Aber Mäuse sind keine Menschen, und was die „Schizophrenie“ von Mäusen mit der von Menschen zu tun hat, ist die Frage.

Wer diese Problematik im Hinterkopf behält, erfährt in dem Buch viel Spannendes. Gerade durch die manchmal kühnen Vereinfachungen liest es sich eher wie das Werk eines exzellenten Wissenschaftsjournalisten und nicht wie eine überkomplexe Faktensammlung, die man von einem Nobelpreisträger erwarten würde.

Hinter der Depression steht für Kandel ein Funktionsdefekt – „ordnungsgemäß aufgebaute neuronale Schaltkreise funktionieren nicht richtig“. Für die Schizophrenie sei dagegen ein anatomischer Defekt verantwortlich.

Ist Psychotherapie eine biologische Behandlung?

Zum Autismus wiederum gibt es laut Kandel eine Art Spiegelbild: das Williamssyndrom. Während Autisten sich mit anderen Menschen schwertun, sind Kinder mit dem Williamssyndrom geradezu „übersozial“. Selbst auf Fremde gehen sie freudig zu. Interessanterweise fehlt diesen Kindern auffallend oft ein bestimmter Abschnitt auf dem Chromosom 7, während Autisten häufiger gleich über mehrere Kopien verfügen. Doch wie viel dieser Befund tatsächlich erklärt, muss sich erst noch zeigen.

Bei aller Begeisterung für biologische Erklärungen psychischer Erkrankungen bezweifelt Kandel keineswegs den Nutzen von Psychotherapie. Er ist sogar ein Anhänger von Sigmund Freud, der in Wien wirkte, als Kandel dort seine frühe Jugend verbrachte. Der Neurowissenschaftler meint allerdings, „dass die Psychoanalyse wie andere Formen der Psychotherapie eine biologische Behandlung ist“. Tatsächlich zeigten Gehirne dauerhafte Veränderungen, sobald etwa Depressionen nach einer Psychotherapie schwinden. Doch ob diese Veränderungen das ganze Geheimnis von Psychotherapie sind, steht auf einem anderen Blatt.

Was der Mensch nun ist, kann natürlich auch Kandel nicht sagen. Überschaubar bleiben auch die angekündigten Erkenntnisse über das normale Gehirn durch das Studium des krankhaft veränderten. Aber Kandel liefert eine spannende Einführung in die biologischen Grundlagen psychischer Erkrankungen. Sie ist für Anfänger gut lesbar, bietet aber auch viele neue Details für Fortgeschrittene.

Eric Kandel: Was ist der Mensch? Störungen des Gehirns und was sie über die menschliche Natur verraten. Aus dem Englischen von Sebastian Vogel. Siedler, München 2018, 367 S., € 30,–

Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 6/2019: Vom Glück, Verantwortung zu teilen
file_download print

News

Leben
Menschen denken sehr unterschiedlich über das Träumen. Doch kaum jemand steht Träumen gleichgültig gegenüber.
Gesundheit
Ob die Integration von Geflüchteten gelingt, hängt auch vom seelischen Zustand der Betreffenden ab.
Beziehung
Das Gesicht scheint bei der Partnerwahl wichtiger als der Körper zu sein. Gilt das für beide Geschlechter?