Schneller, als die Zeit erlaubt

Ein Interview mit dem Psychiater und Philosophen Thomas Fuchs über die psychischen Folgen der fortlaufenden Beschleunigung.

Die Illustration zeigt einen Mann mit Aktenkoffer, der in einer Maschine rennt, die beschleunigt und steht kurz vor dem Burnout
Immer voran: Wir sind Getriebene der linearen Zeit. © Christian Gralingen

Herr Professor Fuchs, Ihre These lautet, dass wir uns alle mehr oder weniger in einem Konflikt zwischen der sogenannten „Weltzeit“ und der „Eigenzeit“ befinden. Was meinen Sie damit?

Wir leben in dem bei uns vorherrschenden linearen Zeitverständnis. Wir sind geprägt von der Vorstellung, dass die Zeit immer weiter geradeaus läuft und nicht wiederkehrt. Gleichzeitig aber sind wir bestimmt von den zyklischen körperlichen und seelischen Abläufen und Rhythmen, die die Natur uns vorgibt; also beispielsweise vom Schlaf-wach-Rhythmus oder den physiologischen Prozessen des Stoffwechsels. Sie beginnen immer wieder von vorn, sind also zyklischer Natur. Der Konflikt entsteht, wenn wir fast nur noch nach dem linearen Zeitverständnis leben und auf die natürlichen Abläufe, auf unsere Eigenzeit zu wenig achten. Dadurch geraten wir in einen Zustand, den ich „Desynchronisierung“ nenne und der mit einem Gefühl der Entfremdung einhergeht: Man ist sich selbst immer schon voraus und kommt nicht in der Gegenwart an. Auf längere Sicht können sich unsere Ressourcen durch diesen Konflikt erschöpfen.

Was genau verstehen Sie unter dem Konzept der linearen Zeit?

Die lineare Zeit kennt nur eine Richtung, nämlich die nach vorne, wie ein Pfeil. In diesem Zeitverständnis, das vor allem in westlichen Gesellschaften vorherrscht, gibt es kein Ziel, dem die Zeit zustrebt, an dem man zur Ruhe kommt. Alles bewegt sich vorwärts, so auch unser Leben. Wir laufen immer weiter voran, kommen aber nicht wirklich an. Und nun kommt hinzu, dass sich in diesem linearen Konzept, wonach die Zeit wie ein Pfeil ständig nur vorwärtsstrebt, die sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Prozesse immer mehr beschleunigen. Das charakterisiert die westliche Kultur schon seit ein bis zwei Jahrhunderten, wird jetzt aber noch mehr vorangetrieben durch die Digitalisierung, besonders die digitale Kommunikation. Mit der allgemeinen Beschleunigung der Gesellschaft verändert sich auch die Dynamik der individuellen Lebenszeit. Man will heute mehr vom Leben haben als früher, schneller erleben, mehr genießen können. Möglichst viel aus dem kurzen irdischen Leben zu machen, das ist heute viel dringlicher geworden. Die Folge ist: Wir befinden uns permanent in einem Wettlauf mit der Zeit. Die westliche Kultur kennt keinen Stillstand, keine Handlungshemmung, kein Verweilen.

Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?

Bezogen auf meine Tätigkeit als Psychiater heißt das zum Beispiel, ich bin gehalten, die Behandlungszeiten immer weiter zu verkürzen. Ärzte leiden darunter, dass ihnen immer weniger Zeit für ihre Patienten zur Verfügung steht. Viele kennen das auch aus...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 10/2019: Passiv-Aggressiv
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