Gibt es das Unbewusste nicht?

Der menschliche Geist sei flach, erklärt der Verhaltensforscher Nick Chater im Interview. Für unbewusste Gedanken gebe es keine empirischen Nachweise.

Die Illustration zeigt einen Mann, der nachdenklich schaut, im Hintergrund sieht man einen Cello-Spieler und Fußspuren als Symbol für das Unterbewusste
Müssen wir uns erst verstehen und dann reparieren, bevor wir weiterleben? Offenbar nicht. © Magda Wel

Herr Chater, Sie sagen, dass wir die vergangenen Jahrzehnte in dem Irrglauben verbracht haben, Wesen mit geistiger Tiefe zu sein. Die Vorstellung einer inneren Welt mit uns unbewussten Gedanken und Gefühlen sei eine Illusion.

Genau, der menschliche Geist ist seicht und allein durch unser unmittelbares bewusstes Erleben definiert. Da tummeln sich keine unbewussten Gedanken und Gefühle unter der Oberfläche, die auf mysteriöse Weise unser Handeln beeinflussen. Genauso wenig werden unsere Beweggründe von vorgeformten Werten, Einstellungen oder Vorlieben bestimmt, die als Teil unseres Ichs auf Abruf bereitliegen.

Wovon dann?

Wir erfinden Erklärungen. Wenn mich jemand fragt, warum ich heute Tee statt Kaffee trinke, dann spinnt mir mein Gehirn in diesem Moment eine Antwort zusammen. Meine Erklärung beginnt erst dann zu existieren, wenn ich gefragt werde. Zu einem späteren Zeitpunkt kann sie potenziell ganz anders ausfallen. Unser Gehirn ist so gut darin, die Gründe für unser Verhalten ad hoc zu improvisieren, dass es uns tatsächlich so vorkommt, als könnten wir unsere Motivationen einfach aus einer Art innerer Bibliothek heraussuchen und auslesen. Aber das ist ein Irrtum.

Haben Sie Beweise?

Split-Brain-Patienten etwa. Bei ihnen können sich die beiden Gehirnhälften nicht austauschen. Das Sprachzentrum, das immer nur in einer Hälfte liegt, hat also keine Verbindung zur anderen Hemisphäre. Befragt man diese Patienten zu Aktivitäten, die von der Hemisphäre ohne Sprachzentrum…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 3/2019: Die Kunst des Aufgebens
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