Unterdosis Schmerz

Wann wird Dopamin zur Sucht? Psychiaterin und Suchtmedizinerin Anna Lembke zeigt, warum oft Jugendliche betroffen sind und wie Therapie aussehen kann

Mehr! Mehr! Mehr? Wenn aus Genuss – ob Schokolade, Drogen oder Medien – zwanghafter Überkonsum wird, ist das Belohnungshormon Dopamin im Spiel. Das hohe Abhängigkeitsrisiko erklärt die Psychiaterin und Suchtmedizinerin Anna Lembke aus der evolutionären Entwicklung: Das menschliche Gehirn sei auf Knappheit eingestellt, nicht auf Überfluss.

Anschaulich erklärt sie in ihrem Buch Die Dopamin-Nation neuronale Vorgänge und kombiniert sie mit Erfahrungen aus ihrer Praxis. Ziel des Buchs: Lösungswege aufzeigen, um Überkonsum und damit das eigene Leben wieder in den Griff zu bekommen. Beispiel Delilah: Die 16-Jährige wird von ihren Eltern zu Anna Lembke geschickt, weil sie zu viel kifft. Im Eingangsgespräch offenbart sie einen bestürzend umfangreichen Mix an Substanzen, die sie konsumiert. Ihr eigentliches Problem aber sei ein anderes: „Ich kiffe, weil ich Angst habe, und wenn Sie etwas gegen meine Ängste tun könnten, bräuchte ich das Gras nicht.“

Die Autorin befürchtet zunächst, das Mädchen werde sich gar nicht erst auf ihre Therapie einlassen, denn sie verlangt von der Jugendlichen Abstinenz – für mindestens vier Wochen. Lembke erläutert, warum: „Jede Droge, die die Belohnungspfade in unserem Gehirn so stimuliert wie Cannabis, ­verfügt über das Potenzial, in unserem Gehirn die Grundlinie, ab der wir Angst verspüren, zu verändern.“

Was sich beim Konsum von Cannabis so anfühle, als ob es Angstzustände lindere, könne in Wahrheit das Gefühl sein, eine Linderung der Entzugserscheinungen nach der Einnahme der letzten Dosis zu verspüren. Somit sei Cannabis die Ursache der Angstzustände und nicht ein Mittel, sie zu beheben. Vielleicht war diese Ansage genau das, was Delilah brauchte. Sie schaffte das „Dopaminfasten“ und befreite sich im Laufe der Therapie von ihren Ängsten.

In der Gummizelle aufgewachsen

Neben dem von Delilah werden in dem Buch weitere Beispiele drogenabhängiger junger Menschen erzählt. Als Kinder aus stabilen Verhältnissen mit vielen Optionen gehören sie statistisch gesehen gar nicht zu den stark gefährdeten. Trotzdem entwickeln sie Angstzustände, Depressionen und körperliche Schmerzen und zeigen wenig sozia­le Ambitionen.

Warum? Kinder wüchsen heute in einer Art Gummizelle auf, schreibt Lembke. Sie fragt: Haben wir, indem wir sie vor allen „Widrigkeiten schützen, möglicherweise dafür gesorgt, dass sie entsetzliche Angst davor haben“? Und: „Haben wir dadurch, dass wir ihnen jeden Wunsch erfüllen, zum Entstehen eines neuen Zeitalters des Hedonismus beigetragen?“

Verhalten und Probleme der über dreißigjährigen Patientinnen und Patienten von Lembke sind anders gelagert – es geht um Alkohol, Masturbation oder Essstörungen, doch die Abläufe ähneln sich. Glücksgefühle sollen Schmerzen, schwierige Zustände oder Probleme wegdrücken.

Viele Menschen kämpften mit dem Ungleichgewicht zwischen Genuss und Schmerz. Ein Dauerglückshoch führe dazu, dass Menschen sich am Ende leer fühlten. Sie empfänden keinen echten Genuss mehr und auch sich selbst nicht mehr als real. Andererseits dürfe die Schmerzseite nicht nur belastet werden, denn auch das könne in Sucht münden.

Schmerz gegen Schmerz

Immer wieder flicht die Autorin Geschichten ihrer Patientinnen und Patienten ein und demonstriert so, wie flexibel und individuell Lösungsstrategien sein müssen. Beispiel Michael: Er hatte seine Heroinsucht erfolgreich bekämpft und fand durch Baden in eiskaltem Wasser einen harmlosen Weg, sich Genuss zu verschaffen. „Schmerz gegen Schmerz“ nennt Lembke seine Methode.

Ein weiterer Erzählstrang sind ihre eigenen Suchterfahrungen. Sie gesteht ihre Abhängigkeit von Liebesromanen, von denen sie immer mehr verschlang, um sich aus der Zeit zu stehlen und ihre Ruhe zu haben. Außerdem offenbart sie, dass sie als junge Frau das Antidepressivum Prozac verschrieben bekommen habe, und empfiehlt heute einen zurückhaltenden Einsatz des Medikaments. Interessant ist auch das Zitat aus einer Studie über Zeitvorstellungen: Bei Opioidabhängigen reiche der Blick in die Zukunft gerade mal neun Tage, bei Nichtsuchtabhängigen seien es knapp 5 Jahre.

Ein warmherzig geschriebenes Buch mit zahlreichen Einblicken und Anregungen. In einer reizüberladenen Gesellschaft braucht es vielleicht wirklich Anleitungen wie diese zum Unglücklichsein – um das Glück nicht zu verlieren.

Anna Lembke: Die Dopamin-Nation. Balance finden im Zeitalter des Vergnügens. Unimedica, Kandern 2022, 296 S., € 24,80

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 10/2022: Nein sagen lernen
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