Konzentration: Plädoyer fürs Monotasking

Nur eine Sache tun? Johann Hari zeigt in seinem Buch „Abgelenkt“, wie uns die Konzentration abhandenkam und wie wir sie zurückgewinnen.

Wenn wir auf dem Sterbebett liegen, hoffen wir sicherlich, das beste Leben, das uns möglich war, gelebt zu haben. Wir werden kaum denken: Zum Glück hatte ich ein schnelles Leben, hoffentlich habe ich zum Wirtschaftswachstum beigetragen. Oder: Ich schaue mir noch einmal meine Likes auf Instagram an.

Diese Vorstellung würde seltsam anmuten, dennoch leben viele von uns auf diese Weise. Im Durchschnitt berühren Menschen in Amerika ihr Smartphone 2017-mal am Tag. Das sind 2017 Unterbrechungen von dem, was sie in jenem Augenblick eigentlich tun. Und so könnte folgendes Motto auf dem Grabstein stehen: „Ich habe versucht zu leben, aber ich wurde abgelenkt.“ Dieser Satz stammt aus Johann Haris Sachbuch Abgelenkt. Wie uns die Konzentration abhandenkam und wie wir sie zurückgewinnen.

Es ist das vierte Buch des britischen Journalisten und es heißt im Original Stolen Focus. Why You Can’t Pay Attention. Hier schwingt eine wesentliche Erkenntnis von Hari mit: Wir können nichts dafür, dass wir uns kaum noch über einen längeren Zeitraum einer Sache widmen können. Die Verantwortung dafür tragen unter anderem die Tech-Giganten, deren Algorithmen unsere Wahrnehmung fragmentieren: Sie stehlen uns den Fokus durch unendliche Scrollmöglichkeiten, ihre Push­nachrichten und Hinweise auf Tweets, Posts oder Videos.

Zwischen Ego und Gleichgültigkeit

Hari traf Psychologinnen, Soziologen, Design-Ethiker und Kognitionswissenschaftlerinnen auf der ganzen Welt. Er kappte auch für drei Monate die Verbindung zum Internet, um zu sehen, was das in ihm auslösen würde.

Ein schriftstellerisches Talent blitzt in seinem Sachbuch auf, das Passagen enthält, in denen er die erklärende Rolle des Journalisten verlässt und sich als Ich-Erzähler in Position bringt. Wir stehen mit ihm am Strand, blicken auf das Wasser: „Jetzt starrte ich auf etwas sehr Altes und sehr Dauerhaftes… Twitter gibt dir das Gefühl, dass die ganze Welt von dir und deinem kleinen Ego besessen ist – sie liebt dich, sie hasst dich, sie spricht jetzt gerade über dich. Der Ozean gibt dir das Gefühl, dass die Welt dich mit einer weichen, nassen, einladenden Gleichgültigkeit begrüßt.“

Die Lektüre von Abgelenkt wirkt wie dieser Blick auf den Ozean: Das Thema wird weitflächig aufgespannt, die tiefgründige Erzählweise verschafft Ruhe. Ruhe zum Nachdenken. Doch der Autor taucht auch ein in die dunklen Tiefen des Gewässers, in Grausamkeiten wie Missbrauch, unter Psychopharmaka gesetzte Zoo- und Schlachttiere, Menschen in Existenznot. Wir spüren: Die Ursachen für unsere Konzentrationsschwäche sind größer als wir. Doch Hari schenkt uns glücklicherweise ganz im Sinne des konstruktiven Journalismus ein wenig Hoffnung.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 4/2023: Schüchtern glücklich sein
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