„Es gibt diese Momente des Begreifens und der großen Nähe“

Psychologie und Literatur: Judith Hermann über die unvermeidliche Trennwand zwischen Liebenden – und Momente großer Nähe

Die Schriftstellerin Judith Herrmann steht mit Mantel und Schal an einem Strand, hinter ihr das graue Meer
Ein Gespräch mit Judith Hermann über das Alleinsein, über das Trennende zwischen Menschen und ihren Roman Daheim, der von einem Aufbruch handelt. © Melina Mörsdorf

Tatsächlich, da steht sie. Als ich im Hamburger Hauptbahnhof um 12.29 Uhr aus dem Zug steige, erwartet mich auf dem Bahnsteig von Gleis 11 eine Frau im Parka, meerwettergebräunt unter dem Mundschutz. Judith Hermann und ich haben ein Interview im Freien vereinbart, also ziehen wir an der Kunsthalle vorbei zur Binnenalster, suchen uns eine Parkbank und reden. Entgegen der Wettervorhersage ziehen dunkle Wolken auf, es fallen ein paar Tropfen, aber wir harren aus, und irgendwann bricht die Sonne durch.

Judith Hermann erweist sich als sehr freundliche und sehr bestimmte Gesprächspartnerin, ich hatte sie mir scheuer vorgestellt. Wir reden über ihren neuen Roman Daheim, der an einer unbestimmten Küste spielt, vielleicht ähnlich der ostfriesischen, an der die Berlinerin selbst seit einiger Zeit lebt. Sie verneint die Frage, ob es sie angesichts solcher Parallelen stört, wenn man sich die Erzählfigur unwillkürlich als Alter Ego von Judith Hermann vorstellt. „Man kommt beim Lesen nicht umhin, die Autorin mit dem Erzählten in Verbindung zu bringen“, sagt sie. „Wobei nur ich selbst weiß, inwieweit dieser Text tatsächlich autobiografisch oder autofiktiv ist.“

Frau Hermann, warum hat die Frau, die in Daheim als Erzählerin auftritt, keinen Namen – jedenfalls keinen, den man beim Lesen erfährt?

Tatsächlich ist mir das erst wirklich aufgefallen, als ich nach dem Erscheinen des Romanes mehrfach darauf angesprochen worden bin. Selbstverständlich hat diese Figur einen Namen, ich habe aber nicht die geringste Notwendigkeit gesehen, diesen Namen zu nennen. Ihn zu verschweigen ist also…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 9/2021: Erfüllter leben
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