„Unsere Wünsche klingen zusammen mit uralten Bildern“

Psychologie und Literatur: Warum fantastische Romanzutaten nicht unbedingt zur Realitätsflucht anstiften. Ein Gespräch mit Thomas Hettche über seinen Roman Herzfaden.

Der Romanschriftsteller Thomas Hettche trägt einen schwarzen Anzug und schaut ernst
Ein Gespräch mit Thomas Hettche über unsere träumerischen und dunklen Seiten und seinen Roman Herzfaden, der von der Augsburger Puppenkiste erzählt. © Joachim Gern

Ein persönliches Treffen mit Thomas Hettche kann während der Pandemie nicht stattfinden. Also sprechen wir an einem Vormittag im Februar über Bildschirme miteinander, draußen ist es noch winterlich. Der Autor sitzt mit einer Tasse Tee vor seinem Rechner, hinter ihm eine gut sortierte Bücherwand – man erahnt einige besondere Ausgaben und literarische Reihen. Es sieht gemütlich aus. Doch im Gespräch ist der 56-Jährige hellwach, widerspricht auch schon mal scharfzüngig. Die Vielschichtigkeit seiner Antworten passt zu der Art, wie Hettche seine Romane verfasst. Er recherchiert akribisch, wirft ein Licht auf Epochen, Begebenheiten und historische Personen, die bis dahin wenig Beachtung gefunden hatten, etwa in seinen preisgekrönten Romanen Pfaueninsel und Herzfaden. All das mischt er mit Elementen aus Märchen, Fantastik und Schauergeschichten. So kreiert er Zwitterwelten, die einladend, doch manchmal auch bedrohlich wirken.

Herr Hettche, in Ihren Romanen fließen Wirklichkeit und Märchen ineinander. Wollen Sie damit zeigen, dass es mehr als eine Wahrheit gibt?

Auch. Es geht aber um mehr. Wir alle sind geprägt und bestimmt von Projektionen, von märchenhaften Vorstellungen, Wünschen und Träumen. Diese bestimmen unser Handeln mehr, als wir glauben, und zwar nicht nur als persönliche Sehnsüchte und Erwartungen. Mythen und Märchen verbinden uns mit der Historie, mit einem über Jahrhunderte tradierten Denken und Fühlen. Wir wissen: Wenn man einen Frosch küsst, dann kann daraus ein Prinz werden. Unsere persönlichen Wünsche klingen immer zusammen mit uralten Bildern.

Diese mythische und märchenhafte Welt ist bei Ihnen aber mit der Alltagswirklichkeit verzahnt. Sie schreiben ja keine Fantasy, sondern realistische Geschichten, die sogar historischen Geschehnissen folgen und Personen begleiten, die wirklich gelebt haben.

Das hat mit meiner Vorstellung von…

Den kompletten Artikel können Sie bei uns kaufen oder freischalten.

Artikel zum Thema
Gesellschaft
Kinder und Erwachsene verbringen weniger Zeit mit Büchern. Der Abschied vom klassischen Lesen verändert unsere Art zu denken – und hat womöglich Folgen für…
Gesellschaft
Die Schriftsteller Hemingway und Salinger begegneten sich als Soldaten im Zweiten Weltkrieg – und erlebten eine Schlacht, die sie radikal veränderte.
Leben
Sie erfinden Schicksale und Krankheiten oder schmücken sich mit falschen Doktortiteln. „Pseudologen“ leiden unter einer ernst zu nehmenden…
Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 6/2021: Menschen verstehen wie die Profis
Anzeige
Psychologie Heute Compact 66: Meine Wohnung und ich
file_download print

Die Redaktion empfiehlt

Beziehung
Zweifel an der eigenen Beziehung sind eine große Belastung – für den Partner und insbesondere den Betroffenen.
Gesellschaft
Immer mehr Computerspiele setzen sich differenziert mit psychischen Störungen auseinander. Was bedeutet das für die öffentliche Wahrnehmung?
Beziehung
Viele Partner entfernen sich im Laufe ihrer Beziehung voneinander. Die emotionsfokussierte Paartherapie zeigt, wie sie wieder zueinander finden. ​