Wie können Frauen ihren Mann mit Asperger-Syndrom besser verstehen?

Eva Daniels erklärt im Interview, wie Frauen ihren Partner mit Asperger-Syndrom lieben und besser verstehen können.

Die Illustration zeigt die Coachin und Trainerin Eva Daniels
Coachin und Trainerin Eva Daniels © Jan Rieckhoff für Psychologie Heute

Frau Daniels, was macht Männer mit dem Asperger-Syndrom attraktiv für Frauen?

Zuerst möchte ich gerne anmerken, dass man heute alle Menschen im Spektrum als Autistinnen oder Autisten bezeichnet. Ich bin bewusst bei der Bezeichnung „Asperger“ geblieben, da diejenigen, die sich noch nicht auskennen mit dem Autismusspektrumsyndrom beziehungsweise der Autismusspektrumstörung, den Unterschied verschiedener Autismusausprägungen nicht kennen.

Viele Partnerinnen beschreiben Männer im Spektrum anfangs als besonders ehrlich, harmoniesuchend, liebevoll auf ihre ganz eigene Art und Weise. So sind auch die meisten Langzeitpartnerinnen Menschen, die ich als „Kümmerer“ bezeichne. Hochfunktionale Aspergerautisten kritisieren ihre Partnerinnen in der Regel nicht. Der Punkt, der hier gemacht wird, ist: „Bei dir möchte ich so sein, wie ich bin, das Gleiche gilt natür­lich auch für dich.“ Das ist ein äußerst angenehmer Nebeneffekt solch einer Beziehung, der in einer neurotypischen Partnerschaft nicht immer gegeben ist.

Was genau meint neurotypisch?

Neurotypisch ist ein Neologismus, der dann verwendet wird, wenn man sich auf jene Menschen bezieht, die keinen Autismus haben. Das sind also jene Menschen, deren neurologische Entwicklung mit dem übereinstimmt, was die meisten Menschen als normal bezüglich der sprachlichen Fähigkeiten und Sozialkompetenzen betrachten.

Das Wort „neurotypisch“ wurde in den 1990er Jahren von der „Autism Rights“-Bewegung erfunden. In diesem Zusammenhang ist auch das Konzept der Neurodiversität zu sehen, das neben Autismus auch ADS, ADHS, Dyskalkulie, Legasthenie und Dyspraxie als natürliche Formen der menschlichen Diversität versteht.

Frauen mit männlichen Aspergerpartnern berichten in Ihrem Buch immer wieder von der Mauer, hinter die er sich zurückzieht und die ihn unerreichbar erscheinen lässt. Wozu dient diese ­Mauer und wie kann man als Partnerin damit umgehen?

Die Mauer steht als Metapher für Verhaltensmuster während eines sogenannten Overloads, einer Art exogener Reizüberflutung. Der Autist zieht sich dann zurück, um seine Energien aufzutanken, und ist somit für die Partnerin vor allem emotional nicht mehr erreichbar. Der Rückzug kann Tage, Wochen oder gar Monate dauern und wird gerne als emotionale Eiszeit bezeichnet.

Unter welchen Voraussetzungen kann eine Partnerschaft mit einem Mann mit Asperger-Syndrom gelingen?

Es ist wichtig, die Art der Kommunikation zu erkennen und so manche Aussage nicht persönlich zu nehmen. Das kann ein sehr schwieriges Unterfangen sein, ist allerdings eine reine Übungssache. Wer akzeptiert, dass die Wahrnehmung eines Autisten oft anders ist, und sich selbst eine sehr klare und direkte Kommunikation aneignet, hat sehr gute Chancen, mit dem Partner glücklich zu werden.

Langfristig gesehen ist es zwar nicht unbedingt nötig, aber hilfreich, wenn ein Aspergermann selbst erkennt, dass er neurodivergent ist. Des weiteren ist eine gute Beziehung eher gegeben, wenn die neurotypische Partnerin ein von ihrem Gefährten unabhängiges Leben führt. Die Verhaltensmuster innerhalb einer solchen Verbindung werden in jedem Fall abweichen von gängigen Vorstellungen, wie eine neurotypische Partnerschaft zu funktionieren hat.

Eva Daniels arbeitet seit 25 Jahren als Coachin und Trainerin in der Organisationsentwicklung. Seit 2013 begleitet sie Menschen aus dem Autismusspektrum und sensibilisiert Arbeit­geber, die mit ­Aspergerautisten und ­-autistinnen zusammen­arbeiten möchten.

Eva Daniels Buch Geliebter Fremder. Wie Frauen ihren Asperger-Mann lieben und verstehen ist bei Trias erschienen (134 S., € 19,99)

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