Was sehen Sie hier, Olli Dittrich?

Ein Bild, zwei Fragen: Ein Mann rennt in Gegenrichtung zur Menge. Warum? Der Satiriker Olli Dittrich deutet die Szene.

Die Illustration zeigt Menschen in einer Gesellschaft, die sich unterhalten vor einer dunkelroten Wand
Warum sich der Mann wohl gegen den Strom der Menge bewegt? Olli Dittrich deutet die Bildszene. © Andrea Ventura für Psychologie Heute

„Erst stand er ja mit dem Rücken abgewandt vor ihr. Ratlos und unbeholfen bei diesem Konzert 2014. Und sie dachte: ‚Warum küsst er mich nicht endlich?‘ Nach einer Ewigkeit drehte er sich um, griff nach ihrem zarten Arm und der Bann war gebrochen. Endlich. Ein kompletter Rausch, dieser erste Kuss, der Urknall ihrer Liebe.

L’essenziale war der Soundtrack zweier Herzen, etwas kitschig gesagt, die im Taumel einer großen Ballade zueinanderfanden. Die Band spielte und der große Marco Mengoni sang. So ergreifend, mit solcher Wucht öffnete seine Stimme ihre Herzen, dass sie über jede Klippe der Scheu hinweggetragen wurden und inmitten einer Traube schwitzender Menschen unerreichbar entrückt waren.

Sie hatten sich kurz zuvor im Zug kennengelernt, auf der Fahrt von Florenz nach Bologna. Er hörte gerade L’essenziale auf seinem iPod, sie trug ein T-Shirt mit der Aufschrift Re Matto, Mengonis aktuellem Albumtitel.

Dieser sinnebetäubende Duft ihrer Haut, dieser zarte Mund, diese hinabziehenden, funkelnden, grünen Augen in ihrem ungeschminkten Gesicht waren es, die ihm von einem auf den anderen Moment den Verstand geraubt hatten. Seine wunderschönen Hände, mit denen er sie flüchtig berührte, lustvoll und gleichsam zart, während er ihr frech seine Kopfhörer aufsetzte, sein freundliches, verwegenes Lächeln, das er dabei hatte – das war es, dem sie vom ersten Moment an verfallen war.

Giacomo und Rosa.

Und jetzt, 2023, sind sie wieder da bei einem Konzert von Marco Mengoni. Er steht wieder vor ihr wie damals, abgewandt. Die ersten Töne erklingen von L’essenziale und der erste Kuss, der Zauber des damaligen Moments kommt in seinen Sinn. Er dreht sich um wie damals. Er will ihren Arm nehmen wie damals. Es ist das gleiche Bild, aber die Farben sind anders.

Er greift ins Leere.

Sie ist nicht mehr da.

Sie liebt ihn nicht mehr.“

Was könnte die Bildbeschreibung mit Ihnen persönlich zu tun haben?

„Erschütternd, wenn das Urvertrauen in die Liebe flöten geht. Mir ist es zum ersten Mal mit 19 passiert. Meine große Jugendliebe, mit der ich schon zwei Jahre zusammen war, kam Hand in Hand mit einem anderen Mann ins gleiche Kino. Zufall. Ich sah sie, sie mich nicht. Was für ein finsterer Begleiter der großen Liebe ist jener Augenblick, in dem man realisiert:

Es ist vorbei.“

Olli Dittrich, schuf Filme, TV-Formate, Persiflagen und Musikproduktionen. In Gestalt seiner berühmtesten Figur, des Theken-Philosophen Dittsche, geht er ab September auf Tournee. (Termine: kj.de)

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 7/2023: Dinge weniger persönlich nehmen
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