Wie können wir als Paar Nähe und Distanz austarieren?

Sie ist so distanziert? Er wünscht sich mehr Nähe? Paartherapeut Thomas Prünte erklärt, wie Paare das richtige Maß an Nähe und Distanz finden können.

Die Illustration zeigt den Diplompsychologen und Paartherapeuten, Thomas Prünte
Thomas Prünte ist Diplompsychologe und Paartherapeut mit eigener Praxis in Hamburg. © Jan Rieckhoff für Psychologie Heute

Herr Prünte, in Ihrem Buch schreiben Sie, dass einige Menschen unbewusst „das vertraute Elend“ in ihren Beziehungen suchen. Was meinen Sie damit?

Es ist ein seltsames Phänomen, dass frühere Beziehungserfahrungen dazu neigen, sich zu wiederholen. Wir scheinen das Vertraute zu suchen, weil es uns – trotz allem – die paradoxe Sicherheit des Bekannten bietet. Plötzlich befindet man sich in einer Konstellation, in der einem „alte Bekannte“ in Form spezifischer Themen wiederbegegnen. Das kann ein Fluch oder ein Segen sein. Auf jeden Fall kann es als Einladung zur vertieften Selbstreflexion verstanden werden und im besten Fall zu einem besseren Umgang mit alten Wunden führen, wenn man achtsam mit sich und dem Partner umgeht. So gesehen könnte man es als „Selbstheilungsversuch“ unseres emotionalen Systems betrachten.

Die Regulation von Nähe und Distanz gehört zu den Kernkompetenzen in einer Beziehung. Warum ringen so viele Paare mit diesem Thema?

Ich würde sagen, dass alle Paare mit diesem Thema zu tun haben. Heute verstärkt durch Faktoren wie agiles Arbeiten, Fernbeziehungen und die Erprobung offener Beziehungsformen. Es ist – früher oder später – der Normalfall, dass Nähe und Distanz ausbalanciert werden müssen.

Gehen wir eine intime Beziehung ein, baut sich ein emotionales Schwingungsfeld auf. Wir interagieren nicht nur verbal, sondern auch mit Gefühlen. Unsere Partnerin reagiert auf unsere Signale, wir auf ihre. Der Nähe-Seismograf unseres Bindungssystems schlägt an, wenn es zu nah oder zu distanziert wird. Die Signale, die der andere sendet, reichen von schlechter Laune und Gereiztheit bis hin zu unerklärlichem Ärger oder panischer Angst. Dann spüren wir, dass das emotionale Gleichgewicht in Unordnung geraten ist, und müssen uns neu ausbalancieren.

Viele Menschen leiden darunter, dass sie ihren Partner oder ihre Partnerin als distanziert und emotional nicht erreichbar erleben. Wie kann man damit umgehen?

Erfahrungsgemäß verbergen sich hinter der Distanz des emotional zurückgezogenen Partners frühe Beziehungserfahrungen, in denen Nähe nicht als sicher und Halt gebend erlebt wurde. Statt Vorwürfe zu machen ist es sinnvoller, sich für diese Vorgeschichte zu interessieren. Übrigens in beide Richtungen! Denn wie kommt es, dass man sich genau so jemanden ausgesucht hat?

Grundsätzlich ist es zentral, zu verstehen, dass Nähe genauso essenziell ist wie Distanz: In der Nähe und Wärme unserer Beziehung können wir entspannen und auftanken. Jede liebevolle Zuwendung schützt und bereichert unsere Partnerschaft. Wir schenken uns Wertschätzung und Zuversicht. In der Distanz finden wir zu uns selbst, können Erlebtes verarbeiten und erotische Spannung aufbauen. Distanz beugt unguten Abhängigkeiten vor und sichert die Eigenständigkeit der Partner.

Sie plädieren für eine „Ethik der Fürsorge für die Beziehung“. Was bedeutet das konkret?

Aufrichtiges Interesse und eine wohlwollende Haltung der Beziehung und der Partnerin gegenüber. Natürlich sollten eine gute Selbstfürsorge und ein gesunder Egoismus in einer Partnerschaft Platz haben. Sie sind wichtig, weil sie unseren Selbstwert stabilisieren und dafür sorgen, dass elementare Bedürfnisse nicht zu kurz kommen. Allerdings sollte die Sorge auch dem Wohlergehen des Partners und der Pflege der Beziehung gelten. Es bekommt ihr nicht gut, wenn beide nur etwas haben und nichts geben wollen. Was eine Partnerschaft nicht verträgt, sind Egozentrik, Entwertungen und Gleichgültigkeit. Wer etwas ernten möchte, muss auch säen.

Thomas Prünte ist Diplompsychologe und Paartherapeut und seit über 30 Jahren in eigener psychotherapeutischer Praxis in Hamburg tätig.

Thomas Prüntes Buch Brücken bauen. Das Geheimnis von Nähe und Distanz in der Partnerschaft ist bei Junfermann erschienen (192 S., € 22,–)

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2023: Intensiver leben
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