Keinem zur Last fallen

Warum wollen wir keinem „lästig sein“? Ein Gespräch mit der Gesundheitswissenschaftlerin Annemarie Keil

Sagen Sie mal, Frau Keil: Warum wollen wir niemandem „lästig sein“?

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Frau Professor Keil, warum widerstrebt es so ­vielen Menschen, sich im Alter oder bei Krankheit helfen zu lassen?

Menschen streben danach, von Kindesbeinen an bis ins hohe Alter frei und unabhängig zu sein und ein selbstbestimmtes Leben zu führen, das auf eigenen Entscheidungen beruht, was immer Menschen darunter verstehen. Als Kinder müssen wir uns in der Regel beugen, wenn Eltern, Erzieher und andere begründet in unsere Autonomie eingreifen. Als Erwachsene und vor allem auch als alte Menschen mit viel Lebenserfahrung macht uns das zu schaffen. Um Hilfe zu bitten und sie annehmen zu können ist eine wichtige Herausforderung nicht nur des Älterwerdens, sondern für alle Menschen, die in Not geraten und Unterstützung brauchen.

70 Prozent aller Pflegebedürftigen in Deutschland werden ohne weitere Hilfe nur von Angehörigen versorgt. Haben Sie einen Einblick in die Gemütslage dieser großen Zahl pflegender Angehöriger?

Zunächst zeigt die Statistik, wie groß die Hilfsbereitschaft und das Zusammengehörigkeitsgefühl der meisten Familien sind. Auch Lebenspartner, Freunde, Nachbarn und Kollegen sind zunehmend zur Stelle. Die meisten Menschen laufen nicht einfach weg, wenn sie gebraucht werden, obwohl die wenigsten im engeren Sinn gesetzlich verpflichtet wären. Jeder Mensch wird als Angehöriger geboren. Die Tatsache, dass nicht jede Lebenssorge und Mitverantwortung an den Staat und öffentliche Einrichtungen delegiert werden kann, haben wir zu lange aus dem öffentlichen Bewusstsein und Diskurs ausgeklammert. Die Gefühle der Angehörigen schwanken zwischen Hingabe, Liebe und Empathie auf der einen Seite, unterschiedlichen Pflichtgefühlen und eben auch Verzweiflung auf der anderen Seite.

„Aber nur indem wir den unbekannten Weg einschlagen, lernen wir genauer kennen, worum es geht und wer sich für die Begleitung eines pflegebedürftigen oder hilflosen Angehörigen eignet und wer eher nicht.“ Können Sie diesen Satz aus Ihrem Buch genauer erklären? Wer ist aus Ihrer Sicht weniger geeignet, einen Angehörigen zu pflegen?

So wie jede Erziehung und Lebensbegleitung eines Kindes ein Abenteuer ist, das nur bedingt voraussehbar und planbar ist, so ist auch die Begleitung eines pflegebedürftigen Angehörigen – ob Eltern, Kinder oder Partner – eine Herausforderung mit vielen Unsicherheiten und Überraschungen. In einer solchen Situation muss man sich neu kennenlernen, oft andere als die gewohnten Wege einschlagen und vor allem bereit sein, sich selbst in der veränderten Situation neu kennenzulernen. Geeignet sind wir besonders dann für eine solche Aufgabe, wenn wir selbst zu Lernenden werden, die wissen, dass die, die heute pflegen, morgen die zu Pflegenden sind.

Die Hoffnung, im Falle einer Krankheit oder am Lebensende gut begleitet zu werden, haben wir alle. Was kann der Einzelne dafür tun?

Den Satz „ Ich will niemandem zur Last fallen“ früh genug streichen, sich neben der Freiheit und Gleichheit auf die Geschwisterlichkeit des Lebens besinnen und früh genug bestimmte Abschiede im Leben und aufgestellte Regeln lernen wie den Abschied von Selbstgerechtigkeit, Perfektionismus, Kontrollwut und dem Glauben, dass man das Leben immer im Griff haben muss oder kann.

Annelie Keil, Dr. phil, war Professorin für Sozial- und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bremen. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind psychosomatische Krankenforschung, ­Biografie- und Lebensweltforschung sowie die Arbeit mit Menschen in Lebenskrisen, Schwerkranken und Sterbenden

Annelie Keils Buch Wenn das Leben um Hilfe ruft. Angehörige zwischen Hin­gabe, Pflichtgefühl und Verzweiflung ist bei Scorpio erschienen (288 S., € 16,99)

Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 6/2018: Diese Wohnung tut mir gut!
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