Das schweigende Kind

Manche Kinder schweigen im Kindergarten oder in der Schule, während sie zu Hause munter drauflosplappern. Was kann ihnen helfen?

Ein Mädchen schaut ist schweigsam im Kindergarten und schaut dabei nachdenklich, während sie zuhause munter drauflosplappert
In Abwesenheit der Mutter sind einige Kinder besonders still – sogar nach Verletzungen. © Westend61/Getty Images

Irgendwann morgens fällt Sarah im Kindergarten hin. Ihr Knie blutet, aber ihre Hose bedeckt die Schramme. Ihre Erzieherin hat nicht gesehen, was passiert ist, aber sie spürt, dass etwas nicht in Ordnung ist, und fragt: „Bist du okay?“ Sarah wendet sich ab, senkt den Kopf, zieht die Schultern hoch und heftet den Blick auf den Boden. Sie sieht abweisend aus, fast trotzig und sagt kein Wort. Aber als ihre Mutter sie abholt, wirft sie sich weinend in ihre Arme und bittet um ein Pflaster.

Sarah war damals vier Jahre alt, und diese war eine von vielen Situationen, in denen sie Hilfe gebraucht hätte, sich aber nicht mitteilen konnte. Sie leidet an selektivem Mutismus, einer komplexen Angststörung, die es ihr schwer bis unmöglich macht, in der Öffentlichkeit zu sprechen, während sie zu Hause eine lustige Quasselstrippe ist. Kinder mit selektivem Mutismus sprechen üblicherweise daheim ganz normal mit vertrauten Menschen wie Eltern und Geschwistern, verstummen aber regelmäßig in Situationen, in denen Sprechen erwartet wird – zum Beispiel auf Familienfeiern und Kindergeburtstagen, beim Arzt, beim Einkaufen, auf dem Spielplatz und ganz oft im Kindergarten und in der Schule.

Bis zu 2 Prozent aller Grundschüler betroffen

Ihr Schweigen liegt nicht an einer Störung in der Sprachentwicklung, obwohl jedes zweite betroffene Kind auch mit einer solchen Problematik zu kämpfen hat. Laut dem amerikanischen Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5) ist selektiver Mutismus eine Angststörung,…

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