Sagen Sie mal, Frau Nimindé-Dundadengar: Wie kann man mit Kindern über Rassismus sprechen?

Wie man mit Kindern über Rassismus sprechen kann, erklärt Tebogo Nimindé-Dundadengar im Interview.

Die Illustration zeigt die Psychologin und Autorin, Tebogo Nimindé-Dundadengar, die erklärt, wie man mit Kindern über Rassismus spricht
Kinder können für das Thema Diversität begeistert werden, sagt Tebogo Nimindé-Dundadengar. © Jan Rieckhoff

Seit Jahrzehnten gibt es Bildungsprojekte, die Vorurteilen vorbeugen sollen. Dennoch urteilen nicht nur Sie, Rassismus sei Alltag in Deutschland – wo liegt der Fehler?

Ein Fehler liegt darin, Schwarze oder People of Color nur als Migrantinnen und Migranten zu sehen. Viele Familien leben meist in zweiter, dritter oder vierter Generation in Deutschland. Es ist ihre Heimat. Des weiteren fehlen dem pädagogischen Personal Know-how und Strategien für den Umgang mit rassistischen Vorkommnissen. Gesamtgesellschaftlich wird Alltagsrassismus kaum wahrgenommen oder als Problem von Neonazis und Rechtsextremen gesehen. Ich betrachte antirassistische Bildung als elementaren, aber bislang fehlenden Baustein der Demokratiebildung. Sie sollte bestenfalls im Kindergarten einsetzen.

Wenn etwa ein Kindergartenkind wegen seiner Hautfarbe nicht mitspielen darf – wie können Fachkräfte darauf angemessen reagieren?

Zunächst einmal ist es wichtig, diese Situation ernst zu nehmen. Immer wieder wird uns berichtet, dass solche Situationen mit Sätzen abgetan werden wie: „Kinder ärgern sich nun mal gegenseitig.“ Diese Art von „ärgern“ trifft aber eben nicht alle Kinder. Es passiert also nicht auf Augenhöhe. Für Kindergartenkinder ist die Komplexität von Rassismus oft noch schwer zu fassen. Doch man kann sich mit ihnen gut darauf einigen, dass niemand aufgrund äußerer Merkmale geärgert oder ausgeschlossen werden darf.

Wie redet man mit Schulkindern über Rassismus?

In unserer Gesellschaft herrscht noch stark die Idee vor, dass Rassismus ein Problem der anderen sei. Daher ist es wichtig, bei sich selbst zu beginnen. Fragen, die mit Schulkindern erörtert werden können, sind beispielsweise, was es bedeutet, weiß zu sein.

Welche Vorannahmen gibt es über weiße Menschen? Es gibt viele lebensnahe Anknüpfungspunkte für Kinder im Schulalter, in denen sie für Rassismus sensibilisiert werden können: Wer wird wie beispielsweise in den Medien dargestellt? Wer wird von der Polizei kontrolliert? Zeigt sich, dass die Kinder bereits Vorurteile verinnerlicht haben, ist es wichtig, mit ihnen diesen Vorurteilen auf den Grund zu gehen und sie zu fragen, woher sie ihr Wissen haben. Aus persönlicher Erfahrung oder vom Hörensagen?

Was stärkt Kinder und ermutigt sie, sich selbst gegen Rassismus zu stellen?

Kinder sind neugierig und haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Insbesondere durch ihre Neugierde können wir sie für das Thema Diversität begeistern. Ein erster Schritt wäre also, ihnen die Vielfalt unserer Gesellschaft bewusstzumachen – und wie bereichernd diese Vielfalt ist.

Das beschränkt sich dann nicht auf die Frage der Hautfarbe, sondern gilt genauso für Themen wie familiäre Vielfalt, Behinderung, Religion. Alles, was uns unterscheidet und besonders macht. Haben Kinder diese Vielfalt als Normalität kennengelernt, sind sie empört zu hören, dass Menschen aufgrund ihres Aussehens, wegen der Person, die sie lieben oder einer Behinderung diskriminiert werden. Dies ist eine gute Grundlage, um ihnen zu zeigen, wie sie sich selbst gegen Rassismus einsetzen können.

Tebogo Nimindé-Dundadengar ist Psychologin mit den Schwerpunkten Entwicklungspsychologie und Diversity Management. Gemeinsam mit der Kulturwissenschaftlerin Olaolu Fajembola setzt sie sich für antirassistische Bildung ein.

Tebogo Nimindé-Dundadengars neues Buch „Gib mir mal die Hautfarbe“. Mit Kindern über Rassismus sprechen, das sie mit Olaolu Fajembola geschrieben hat, ist bei Beltz erschienen (256 S., € 17,–).

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2021: Gelassen durch ungewisse Zeiten
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