Gute Eltern in schlechten Zeiten

Therapiestunde: Der werdende Vater verzweifelt an Schuldgefühlen: Wie kann er zulassen, dass ein Kind in diese schreckliche Welt hineingeboren wird?

Ein Mann balanciert eine Weltkugel auf dem Rücken auf der ein gelber Kinderwagen mit einem Baby ist
Der Pat. fürchtet, dass seine Ängste ihn überwältigen, wenn das Kind geboren ist. © Michel Streich

Herr A. ist schon sein ganzes Leben lang Musiker, spielt verschiedene Instrumente und komponiert. „Seit Corona geht gar nichts mehr.“ Er hat große Geldprobleme und seine Frau ist im achten Monat schwanger. Sie sorgt sich wegen seiner vielfältigen Ängste, nachts kreisen seine Gedanken um die Klimakatastrophe und eine Welt voller Lügen, Korruption und Egoismus. Er fühlt sich schuldig, weil sein Kind in eine fürchterliche Welt hineingeboren werde.

Sie sind gekommen, weil Herrn A.s „Horrorszenarien“ immer heftiger werden, je näher der Geburtstermin rückt. Nein, er sei kein gewünschtes Kind gewesen. Er wolle ein sorgender Vater sein, und so frage ich ihn nach seinem Vater. Der hat die Familie verlassen, als er noch ein kleines Kind war. Die Eltern haben sich stundenlang angeschrien und nach der Trennung gab es eine jahrelange Schlammschlacht vor Gerichten.

Jetzt hat die Mutter Krebs und er hofft, dass sie bald stirbt. Er kann sie nicht mehr im Pflegeheim besuchen, seitdem seine Frau schwanger ist. Voller Wut beschreibt er seine Mutter als rechthaberisch, manipulativ, aggressiv, abwertend, beleidigend, egoistisch und besserwisserisch.

Anpassung und Unterordnung

Meine Frage, ob die Mutter in psychotherapeutischer Behandlung gewesen sei, beantwortet er mit einem bitteren Lächeln. Erst vor wenigen Jahren habe er erfahren, dass sie mal wegen Stress und Überlastung in einer Klinik gewesen sei, wo die Ärzte den Verdacht auf eine schwere Persönlichkeitsstörung geäußert hätten. Daraufhin habe sie die Klinik sofort verlassen und mit Klagen gedroht.

Seine Kindheit habe er nur mit totaler Anpassung und Unterordnung überstehen können. Die Mutter gab ihm die Schuld daran, dass ihr Leben zerstört sei, sie habe die frühe Schwangerschaft nicht gewollt. Jetzt habe er zunehmend Fluchtgedanken, je weiter weg, desto besser; er suche nach einem…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 2/2022: Für sich einstehen
Psychologie Heute Compact 67: Schwierige Beziehungen
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