Reifeprüfung: Die Ablösung von den Eltern

Wenn Erwachsene noch die elterlichen Erwartungen erfüllen wollen: Ablösung von den Eltern ist wichtig für spätere Beziehungen, zeigt Sandra Konrad.

Kaum eine Phase des Lebens ist so prägend wie die eigene Kindheit. Doch nicht wenige Menschen fühlen sich auch als Erwachsene noch genötigt, elterliche Aufträge und Erwartungen zu erfüllen.

In ihrem Buch Nicht ohne meine Eltern beschreibt die Psychologin Sandra Konrad eindrücklich, wie familiäre Ver­strickungen eine gesunde Ablösung verhindern. Idealerweise unterstützten die Eltern das Kind auf dem Weg in die Selbständigkeit, schreibt Konrad. In der Praxis erweist sich dieser Prozess in vielen Familien jedoch als schwierig. Es gibt Eltern, die nicht loslassen können und ihrem längst erwachsenen Sohn nicht zutrauen, eigene Kinder großzuziehen. Und es gibt Töchter, die bitter enttäuscht von einem Elternteil sind und lebenslang darauf hoffen, endlich von diesem noch geliebt zu werden.

Von einer Affäre zur nächsten

Konrad erzählt spannend von verschiedenen Familienkonstellationen. Dabei wird deutlich, dass Kinder ihren eigenen Weg gehen müssen und übertrieben fürsorgliche Eltern sie dabei nur hindern. Die Lektüre wird so zu einem emotionalen Lehrstück. Denn in den Praxisbeispielen dürften sich viele Leserinnen und Leser irgendwo wiedererkennen und die eine oder andere hilfreiche Erkenntnis zur eigenen Eltern-Kind-Beziehung erlangen.

Besonders bewegend ist ein Fall, bei dem die Tochter ewig nach den vermeintlichen Vorstellungen der Mutter lebte, um am Ende zu erfahren, dass diese sich doch etwas ganz anderes von ihrer Tochter gewünscht hätte.

Je weniger abgelöst Menschen sind, desto schwieriger gestaltet sich ihre Partnerwahl. Viele blieben unbewusst Single oder hätten eine Affäre nach der anderen, um die Eltern nicht „verlassen“ zu müssen. Oftmals führe eine übertriebene Loyalität zu den Eltern auch dazu, dass die eigene Partnerschaft auf eine harte Probe gestellt werde, etwa wenn Betroffene bei Konflikten zu den Eltern statt zu Partnern oder Kindern stehen.

Blick in die Kindheit der Eltern

Doch lässt sich ein selbständiges Leben führen, ohne den Kontakt zu den Eltern zu verlieren? Unbedingt. Denn wer möchte denn eine Beziehung, die auf Abhängigkeit basiert? Viel schöner sei eine aus Liebe, so Konrad.

Unterschiedliche Sichtweisen sollten von allen Beteiligten akzeptiert werden. Zunächst sei es jedoch erforderlich, sich die gegenseitigen Erwartungen bewusstzumachen. Dies sei wichtig, um sich davon unabhängig zu machen. „Wir können weder unsere Kindheit verändern noch unsere Eltern. Aber wir können anfangen, unsere Sehnsüchte kritisch zu hinterfragen“, sagt Konrad.

So könnten „Unabgelöste“ ins Handeln kommen und schließlich die Hoffnung aufgeben, dass Eltern ihnen die alten Wünsche noch erfüllen. In der Therapie wendet Konrad dafür auch Übungen an, bei denen Kinder und Eltern jeweils die Rolle des anderen einnehmen. Um die familiären Verstrickungen zu verstehen, sei ein einfühlsamer Blick in die Vergangenheit wichtig, die wiederum auch die Kindheit der Eltern miteinschließt.

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