Gar nicht so selbstverliebt

Von der vielbeschworenen Narzissepidemie kann keine Rede sein. Zwischen den 1990er und den 2010er Jahren ging der Narzissmus sogar leicht zurück.

Wächst da eine narzisstische Generation heran? Studien sprechen gegen diese Vermutung © Joni Majer

Gar nicht so selbstverliebt

Psychologen haben in einer Studie junge Erwachsene aus drei Generationen verglichen: Der Narzissmus ging zwischen den 1990er und den 2010er Jahren sogar leicht zurück – von der vielbeschworenen Narzissmusepidemie kann keine Rede sein

Ist Donald Trump „schuld“? Seit der Präsident der Vereinigten Staaten mit zahlreichen Tweets, widersprüchlichen Äußerungen und umstrittenen Entscheidungen auf sich aufmerksam macht, nimmt das Thema Narzissmus einen enormen Aufschwung – der aber eine Vorgeschichte hat: Seit längerem verkünden Studien, dass es auch unter „normalen“ Menschen, vor allem jungen Erwachsenen, zunehmend mehr Narzissten gebe, sogar von einer Epidemie ist immer mal wieder die Rede. Verstärkt werde diese Entwicklung durch das Internet, die sozialen Medien und Millionen Selfies, die täglich hochgeladen werden, durch Eltern, die bei der Erziehung ihrer Kinder (zu) viel Wert auf deren Selbstwertgefühl legen oder auch durch wirtschaftlichen Wohlstand, wie manche Forscher vermuteten.

Allerdings fand sich der Narzissmusboom in mindestens ebenso vielen Studien eben nicht, berichtet die Psychologin Eunike Wetzel, die an der Universität Konstanz forscht. Sie und ihre Kollegen an britischen, niederländischen und US-amerikanischen Universitäten gingen der Frage nun in einer neuen Studie nach. Dabei verglichen die Wissenschaftler Daten aus drei Studierendengenerationen in den USA aus den Jahrzehnten der 1990er, 2000er und 2010er Jahre. Alle insgesamt fast 60 000 Probanden im Alter von 18 bis 24 Jahren hatten den gleichen Narzissmusfragebogen ausgefüllt, den Narcissistic Personality Inventory (NPI).

Wie entwickelte sich der Durchschnittsnarzissmus?

Die Forscher sahen sich dabei nicht nur wie sonst üblich den Narzissmus als Gesamtkonzept an, sondern nahmen auch drei spezielle Verhaltens- und Denkweisen unter die Lupe, die im NPI ebenfalls ermittelt werden. Darüber hinaus ging es nicht um stark ausgeprägten oder pathologischen Narzissmus, wie er immer häufiger Prominenten zugeschrieben wird. Stattdessen untersuchten die Forscher den ganz normalen „Durchschnittsnarzissmus“, von dem keiner ganz frei ist.

Die Ergebnisse sind eindeutig: Laut der Studie waren die Teilnehmer der 2010er Jahre sogar etwas weniger narzisstisch als die der 1990er Jahre, dies gilt für Männer und Frauen gleichermaßen. Einen leichten Anstieg gab es nur bei der Gruppe der Studierenden aus Asien oder mit asiatischem Migrationshintergrund, und hier auch nur bei einer Facette des Narzissmus, der Eitelkeit, berichtet Eunike Wetzel. Die Psychologin vermutet, diese Teilnehmergruppe könnte sich im Lauf der Jahre in puncto Eitelkeit ein wenig an westliche Verhältnisse angenähert haben.

Keine Gründe, sich besonders zu fühlen

Wie ist es zu erklären, dass gängige Vermutungen über die immer narzisstischere Gesellschaft offenbar nicht stimmen? Wetzel warnt vor allzu spekulativen Schlüssen, weist aber darauf hin, dass die Situation der Studenten in den 1990er Jahren anders war als heute. Damals galt es noch eher als etwas Besonderes, zu studieren, vermutet sie. Die Berufsaussichten auf dem Arbeitsmarkt waren zudem für Akademiker besser, die beruflichen Perspektiven sicherer. Heute studieren sehr viel mehr junge Leute eines Jahrgangs, es ist selbstverständlicher und normaler geworden. Und trotz der derzeit guten Konjunktur müssten junge Berufseinsteiger oft erst einmal mit befristeten Verträgen zurechtkommen, ergänzt die Psychologin. Alles in allem eine Situation, die es eher erschwere, sich als etwas Besonderes zu fühlen, meint Wetzel.

Keine Rolle spielte offenbar auch der wirtschaftliche Aufschwung in den 2000er Jahren. Für die Vermutung, dass eine prosperierende Wirtschaft narzisstische Tendenzen befördere, lieferten die Daten von Wetzels Untersuchung keinerlei Bestätigung. Denn der narzisstische Rückgang begann einige Zeit vor der Wirtschaftskrise im Jahr 2008, also schon während des Aufschwungs.

Weniger Anspruchsdenken

Führungsverhalten, Eitelkeit und Anspruchsdenken gelten als zentrale narzisstische Eigenschaften, berichtet Eunike Wetzel. Vor allem das Anspruchsdenken (entitlement) dürfte zu den unangenehmsten zählen, denn wer zu starkem Anspruchsdenken neigt, hält sich für wertvoller als andere, diesen überlegen und will deshalb besser behandelt werden. Doch gerade diese Eigenschaft sei in den untersuchten Jahren am stärksten zurückgegangen, stellt Wetzel fest. Sie sieht darin die Bestätigung, dass von einer Narzissmusepidemie keine Rede sein könne.

Einen etwas geringeren Rückgang verzeichneten die Forscher auch beim Merkmal „Führungsverhalten“, der Neigung, etwa in Gruppen schnell die Führung zu übernehmen oder bei privaten Geselligkeiten gern im Mittelpunkt zu stehen. Eitelkeit, also der Stolz auf sich selbst, die äußere Erscheinung ebenso wie die eigenen Fähigkeiten, hat ebenfalls bei den US-amerikanischen Probanden abgenommen.

Also sind die Befürchtungen Älterer, es wachse eine selbstverliebte Generation heran, offenbar unbegründet. Warum aber ist die Denkweise so populär, dass gerade junge Erwachsene immer narzisstischer werden? Eunike Wetzel sagt: „Zum einen liegt es in der Natur der Sache. Mit dem Alter werden wir weniger narzisstisch, etwa weil wir im Lauf des Lebens mehr Verantwortung übernehmen. Dann fällt uns der etwas ausgeprägtere Narzissmus der Jüngeren stärker auf.“ Und zum anderen: Narzissmus bietet einfach guten Gesprächsstoff, nimmt die Psychologin an: „Manches, was darüber gesagt wird, ist einfach nur wenig reflektiert.“

Eunike Wetzel u. a.: The narcissism epidemic is dead: long live the narcissism epidemic. Psychological Science, 2017. DOI: 10.1177/0956797617724208

Illustration zeigt zwei Männer, die ihre Maske abnehmen
Wächst da eine narzisstische Generation heran? Studien sprechen gegen diese Vermutung.

Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 3/2018: Heilkraft Meditation
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