Im Fokus: Psychotherapie mit Geistlichen

Psychotherapie mit Geistlichen: Seelenleid bei Gottesleuten ist keine Seltenheit. Ein Psychiater und Theologe erklärt, wie das kommt.

Ein Geistlicher hält in seiner Hand einen Rosenkranz
Geistliche werden häufig besonders kritisch betrachtet. Diesem Druck ist kaum standzuhalten, sagt ein Psychiater. © Vladimir Simicek/AFP/Getty images

Herr Deininger, Sie sind so etwas wie der führende deutsche Therapeut für katholische und evangelische Geistliche. Wie sind Sie in diese Rolle geraten?

Ich habe zusätzlich zur Medizin Theologie studiert. Dadurch habe ich immer schon eine engere Verbindung zu all den Menschen gehabt, die sich mit Glauben, Spiritualität und Religion beschäftigen. Seit über 30 Jahren bin ich auch Vertrau­ensarzt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und Gutachter für katholische Gerichte.

Weder Ingenieurinnen noch Juristen gehen bevorzugt zu einem auf ihre Berufsgruppe spezialisierten Therapeuten. Warum tun es die Geistlichen?

Viele haben das Gefühl: Wenn ich zu jemandem gehe, der auch theologisch kompetent ist und sich mit Glaubensfragen beschäftigt, versteht er mich vielleicht besser.

Braucht es da besonderes Verständnis?

Gerade katholische Priester sind in einer speziellen Situation, weil sie allein leben und von allen nur als „Geistliche“ gesehen werden. Evangelische Pfarrer und Pfarrerinnen haben oft eine Familie, stehen aber ebenso unter starker Beobachtung. Schon ihre Kinder hören in der Schule: „Du bist das Kind vom Pfarrer, du darfst doch nicht lügen.“ Auch die Geistlichen selbst werden äußerst kritisch gesehen. Diesem Druck ist kaum standzuhalten.

Sie haben viele Geistliche psychotherapeutisch behandelt. Haben diese vielleicht zu hohe Erwartungen an sich selbst?

Im Katholizismus muss der Gläubige, wenn er zu Gott will, den Weg über den Priester nehmen. Dieses Gefühl – „Ich bin Gott näher als die anderen“ – setzt den Einzelnen…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2021: Gelassen durch ungewisse Zeiten
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