Wann in die Krippe?

Die frühe Fremdbetreuung von Klein(st)kindern werde zwar propagiert, die Risiken aber zu selten diskutiert, so Silvia Cramerotti-Landgraf.

Wissenschaftliche Meinungen spielen in der Familienpolitik heute nur noch dann eine Rolle, wenn sie „passen“. Das trifft besonders auf die frühe Bildung der Kleinstkinder in den Krippen zu. Diese sollen ab dem ersten Geburtstag in den Genuss einer umfassenden Bildung in den Krippen kommen. Seit der Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Krippenplatz widersprechen immer wieder Kindheitsexpertinnen und -experten dieser einseitigen Sichtweise, doch ihr Einspruch verhallt ungehört.

Nun kommt die Qualifizierungsarbeit einer Absolventin der Internationalen Psychoanalytischen Universität Berlin daher, die das soziale Dilemma in dem Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen Forderungen, kindlichen Bedürfnissen und den Wünschen der Mütter so treffend darstellt, dass kaum noch Fragen offenbleiben.

Es ist ganz offensichtlich, dass in der gesellschaftlichen Diskussion starke Kräfte dominieren (Presse, Wirtschaft, Kirchenvertreter, die Bertelsmann-Stif­tung), die die einseitige Sichtweise der „frühen Bildung“ in den Krippen unterstützen. Expertinnen aus Psychologie und Medizin mit ihrem Wissen über die frühkindlichen Bedürfnisse haben dagegen kaum eine Chance, gehört zu werden.

Nach einer gründlichen Studienanalyse kommt Silvia Cramerotti-Landgraf zu dem Schluss, dass die frühe Fremdbetreuung zwar breit propagiert wird, die Gesellschaft über die vollständige Befundlage der Krippenbetreuung aber nur mangelhaft informiert werde. Mit der einseitigen Betonung der Vorteile und dem Unterschlagen aussagekräftiger Belege über bewiesene Risiken für die Entwicklung der Kinder bei früher und langer außerfamiliärer Betreuung werde die Öffentlichkeit nur höchst unzureichend informiert, und das sei in letzter Konsequenz irreführend.

Stresserzeugende Trennungsschmerzen

Hinsichtlich der Bedeutung der früh­kindlichen Bedürfnisse dürften angesichts der umfassenden Erkenntnisse aus der bindungsbezogenen Forschung und der Hirnforschung keine Zweifel mehr bestehen. Deshalb sei es nicht verständlich, warum im gesellschaftlichen Diskurs nur die optimalen Bildungsmöglichkeiten in der Krippe gesehen würden und nicht die Problemlage insgesamt, also mitsamt ihren Nachteilen.

Das wichtigste Problem, das Auswirkungen auf die gesamtgesellschaftliche Entwicklung habe, liege darin, dass die basalen Grundeinstellungen von emotionaler Sicherheit, Geborgenheit sowie dem Gefühl des Urvertrauens in die Welt maßgeblich von den frühen Erfahrungen des Kindes mit seinen Eltern abhängig seien. Im späteren Entwicklungsverlauf ließen sich Defizite in diesen Bereichen nur schwer oder gar nicht korrigieren.

Die Kinder, die die Last der einseitig propagierten Sichtweise trügen und sehr häufig mit stresserzeugenden Tren­nungsschmerzen zu kämpfen hätten, seien in guter Gesellschaft mit den vielen Müttern und Vätern, denen ebenfalls die Trennung von ihrem Kind in dieser frühen Zeit schwerfalle.

Angeborene Lerntriebe ausreichend

Es ist der Autorin gelungen, diesen meist verschwiegenen und gesellschaftlich völlig ignorierten Schauplatz auszuleuchten. Es geht demnach nicht nur um den gesellschaftlichen Druck, sondern auch um die Klärung einer Identitätsfrage: Wie viel Raum gesteht die Frau ihren mütterlichen Anteilen und wie viel ihren beruflichen Anteilen zu? Das neue Zeiterleben mit dem Kleinkind, das von der Pflege und Zuwendung der Mutter abhängig ist und damit die Mutter in Abhängigkeit bringt, wird als Stillstand empfunden gegenüber der linearen Zeit der Berufstätigkeit.

Die gesellschaftliche Antwort darauf ist das Angebot eines Krippenplatzes mit der Versicherung, dass hier „frühe Bildung“ stattfinde. Es wird dabei geflissentlich übersehen, dass Kinder in den ersten zwei bis drei Lebensjahren keine von außen aufgesetzte Bildung brauchen, da die angeborenen Lernantriebe in einem bindungssicheren Raum für Bildung im umfassenden Sinn sorgen. Ebenso findet in der Krippe kein soziales Lernen statt, weil Kinder in der frühen Zeit nur über die Gefühlsansteckung sozial handeln.

So bleibt der Autorin nur das, was vor ihr schon viele wissenschaftliche Kindheitsexperten versucht haben: Vorschläge zu machen, wie die frühe Kindheit so zu gestalten ist, dass sich Kinder, Eltern und die Gesellschaft besser entwickeln können. Mutterschaft wird dabei von ihr keineswegs schöngeredet und Erwerbsarbeit nicht abgewertet. Vielmehr will sie Frauen ermutigen, beide Sphären gleichermaßen als Quelle von Selbstverwirklichung zu betrachten – ohne dem illusionären Zeitgeist aufzusitzen, beides zur gleichen Zeit und in gleicher Intensität voll ausleben zu können. Das gilt entsprechend den Entwicklungsbedürfnissen der Kinder auch für die Väter.

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